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Bilder auf dem Kunstmarkt: Dortmunder Malerin Gerta Overbeck neu entdeckt

DORTMUNDCAPPENBER/LÜNENLange sind die Bilder aus Gerta Overbecks (1898-1977) Frühwerk im Verborgenen geblieben. Ihre sozialkritischen Milieustudien entstanden überwiegend in den frühen 1920er-Jahren. Durch die Witwe eines Galeristen schafften es 25 Arbeiten jetzt wieder auf den Kunstmarkt - und haben die längst fällige Wiederentdeckung der zu Unrecht vergessenen Malerin eingeläutet.

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  • Dortmunder Malerin Gerta Overbeck neu entdeckt
    Gerta Overbeck entdeckte das Motiv der Frau allein im Café für sich. Hier im Werk „Hippodrom auf der Reeperbahn“ (1926). Repro: Kunstkontor Doris Möllers

Gerta Overbeck darf als eine der wichtigsten Vertreterinnen der Neuen Sachlichkeit gelten, ihr Wirkungszeitraum war aber auf die Zeit der Weimarer Republik beschränkt. Im Fokus stand eine nüchterne und unsentimentale Darstellung des Arbeits- und Alltagslebens der Menschen. Mit Beginn des Krieges fand diese Kunstepoche ein abruptes Ende. Doch jetzt, 84 Jahre nach dem Fall der Weimarer Republik, scheint das Interesse an Overbecks Arbeiten so groß zu sein wie nie zuvor.

Schicksalhafte Begegnung führt zu neuem Ruhm

Eine schicksalhafte Begegnung verhalf Overbeck postum zu neuem Ruhm: Bei der Kunstmesse "Art Karlsruhe" im vergangenen Jahr bot die Witwe des Galeristen Wolf Anschütz, der mit Overbecks Arbeiten handelte, dem Kunstkontor von Doris Möllers 25 Arbeiten aus frühen Jahren der Künstlerin an. Aufgrund eines bevorstehenden Umzugs wollte die Sammlerin ihren Besitz verkleinern. Zum ersten Mal ausgestellt wurden diese Werke dann im November darauf auf der Kunstmesse in Köln. "Kunsthistorisch ein Glücksfall", urteilte die Wochenzeitung "Die Zeit" in einem langen Bericht.

Ein Viertel des Bestandes sei bereits verkauft, sagt Doris Möllers. In ihrem Kunstkontor am Rosenplatz in Münster können sich Kunstfreunde aber noch Werke von Gerta Overbeck anschauen. Die Preise liegen zwischen 2000 und 10000 Euro. Den späten Erfolg erklärt sich die Galeristin so: "Gerta Overbeck schafft es, die sozialen Verhältnisse der 20er-Jahre gekonnt zu spiegeln. Zudem hat die lange dominierende abstrakte Kunst für viele nicht mehr die gleiche Aussagekraft wie realistische Kunst."

Ganz alltägliche Szenen auf der Straße

In ihren Anfängen hielt Overbeck alltägliche Szenen fest, wie eine Dame, die ihren Hund ausführt, ein Straßenmusiker, der Gitarre spielt oder ein Mädchen, das mit seinem Roller über die Straße saust. Mit der Frau, die alleine in einem Café auf der Reeperbahn sitzt, entdeckte sie ein Motiv für sich, das später berühmteren Vertretern der Neuen Sachlichkeit wie Otto Dix oder Ernst Thoms zugeschrieben wurde.

Am 16. Januar 1898 wurde Gerta Overbeck in Dortmund geboren. Aufgewachsen ist sie jedoch in Cappenberg, wo sie auch die längste Zeit ihres Lebens verbrachte. Nach einer Ausbildung als Zeichenlehrerin und Studienjahren an der Kunstgewerbeschule in Hannover arbeitete Overbeck zunächst in Dortmund als Kunsterzieherin.

Erste Einzelausstellung erst kurz vor ihrem Tod

Ab 1931 zog es sie trotz Weltwirtschaftskrise nach Hannover, wo sie als freie Malerin arbeitete. Die niedersächsische Landeshauptstadt gilt als ein lokales Zentrum der Neuen Sachlichkeit. Doch die dortige Künstlergruppe - mit Vertretern wie Hans Mertens, Friedrich Busack, Karls Rüter und Grethe Jürgens - sei sehr isoliert gewesen und habe über Hannover hinaus kaum Einfluss gehabt, erläutert Doris Möllers.

So auch im Fall Overbeck. Denn ihre erste Einzelausstellung fand erst 1976 in Hamburg statt - nur ein Jahr vor ihrem Tod. 2002 gab es in Hannover eine große Schau zur Neuen Sachlichkeit, bei der Overbecks Beiträge zu den herausragendsten zählten.

Zurückgezogenes Leben

In der hannoveranischen Kunstszene lernte sie ihren Ehemann, den Literaten Gustav Schenk, kennen. Die Ehe hielt nur drei Jahre, die gemeinsame Tochter blieb bei Overbeck. Mit ihr kehrte sie 1938 nach Cappenberg zurück. Dort lebte die Künstlerin zurückgezogen und in ärmlichen Verhältnissen. Gestorben ist sie dann am 2. März 1977 in Lünen.

Warum Gerta Overbeck gerade jetzt wieder viel Aufmerksamkeit auf sich zieht, sieht Doris Möllers im Interesse an Künstlerinnen begründet: "Frauen in der Kunst sind gerade sehr gefragt. Die männliche Kunstdomäne scheint abgegrast zu sein." Künstlerinnen der Avantgarde in Berlin, den sogenannten Sturm-Frauen, zum Beispiel widmete die Schirn Kunsthalle Frankfurt eine Ausstellung.

Viele Ausstellungen über Künstlerinnen

Die Moderne der Frauen in Deutschland zeigte bis Anfang 2016 die Kunsthalle Bielefeld, eine Schau mit Arbeiten von Käthe Löwenthal und ihren Schwestern gab es im Kunstmuseum Solingen und im Mülheimer Kunstmuseum nahmen im vergangenen Jahr 28 Künstlerinnen das Haus als Lebens- und Arbeitsplatz ins Visier.

Noch bis zum 16. Juli in der Bundeskunsthalle in Bonn zu sehen sind in einer Fotografien von Katharina Sieverding. Und bis zum 21. Mai stellt das Folkwang-Museum in Essen die Malerin Maria Lassnig vor.

Kunstkontor, Rosenplatz 8 in Münster, Mi-Sa 11- 18 Uhr, Tel. (0251) 4841298, Katalog für 20 Euro

 

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