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Der Kabarettist im Interview: Ludger Stratmann kündigt Abschied von der Bühne an

NorderneyEr gehört zu den bekanntesten und beliebtesten Kabarettisten Deutschlands: Ludger Stratmann (69). Der promovierte Arzt ist ein Kind des Ruhrgebiets: Studium in Bochum, Theater in Essen, wohnhaft in Bottrop. Seine zweite Heimat ist aber die Nordsee – die Insel Norderney, wo er ein Haus hat. Dort hat ihn unser Redakteur besucht.

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  • Ludger Stratmann kündigt Abschied von der Bühne an
    Norderney ist die zweite Heimat von Kabarettist Ludger Stratmann. Auf der ostfriesischen Insel sind einige seiner Bühnenprogramme entstanden. Foto: Christian Stein

Herr Stratmann, Sie sind einer der berühmteren Wahl-Einwohner Norderneys. Macht sich das bemerkbar? Oder sind Sie für die Insulaner nur „der Ludger“?

Berühmt? Och… Zu Hause im Ruhrpott, da bin ich bekannt wie ein bunter Hund. Da laufe ich durch die Stadt, und alle klopfen mir auf die Schulter. Aber auf Norderney hält sich das in Grenzen. Ich fühle mich deshalb hier auch wohl, weil ich hier ganz häufig schon aufgetreten bin, weil ich hier so viele Leute kenne. Viele Berühmtheiten gibt’s ja auf der Insel nicht. Atze Schröder kommt regelmäßig, außerdem habe ich gehört, dass sich Mickie Krause hier ein Haus gekauft hat. Mein Freund Richard Rogler schaut auch häufig mal vorbei.

 

Sie sagen, Sie kennen viele Norderneyer. Wie würden Sie den Norderneyer charakterisieren?

Geschäftstüchtig, wortkarg und gerissen. Von diesen ursprünglichen Insulanern gibt es aber leider viel zu wenige. Der Großteil ist – wie ich ja auch – zugezogen. Die Menschen leben hier vom Tourismus, über den sie sich aber komischerweise beschweren. Es kämen ihnen zu viele Touristen, es gäbe ihnen zu viele Zweitwohnsitze…

Die Ostfriesen kämpfen schon lange mit dem Klischee, einen einzigartigen Humor zu haben. Stimmt das? Schließlich müssten Sie als Kabarettist das am besten beurteilen können.

Ich habe hier wirklich wunderschöne Vorstellungen gehabt. Ob Norderneyer im Publikum waren, weiß ich nicht. Das letzte Mal war kurz vor Silvester, 1300 Besucher im „Haus der Insel“ – das war richtig bombastisch. Es kann sein, dass der Norddeutsche etwas hämisch ist, weil er fragt, wie wir da im Pott denn sprechen würden. Was soll das denn für eine Sprache sein? Die können ja nicht mal richtig reden… Daran haben sie aber Spaß! Nicht nur hier auf der Insel, sondern überall im Norden. Das habe ich immer wieder während meiner Auftritte in der Region erlebt. Und wenn so zwei verschiedene Kulturen aufeinandertreffen, also der Ostfriese und der Ruhri, dann ist das schon ein Mordsspaß.

 

Ganz platt gefragt: Was gibt Ihnen die Insel?

Die Insel lebt von zwei Teilen. Im Westen haben wir Urbanität, Remmidemmi, Einkaufsmöglichkeiten. Im Osten herrscht totale Ruhe, eine tolle Gegend. Ich brauche das Visuelle, ich gerate ins Träumen, wenn ich mir zum Beispiel den Leuchtturm angucke. Obwohl ich schon so lange hier hochfahre, mache ich das heute noch so gerne wie früher. Damals kam ich noch mit einem Wohnwagen nach Norderney. Morgens hatte ich dann die Rollladen hochgezogen und direkten Blick auf die Dünen. Daran denke ich heute noch zurück. Irgendwann mussten wir das Camping aufgeben, weil meine Frau das nicht mehr wollte. Dann haben wir ein altes Haus gekauft, das abreißen und völlig neu aufbauen lassen – zu Preisen, die heute undenkbar sind.

Interview auf dem Fahrrad: Redakteur Christian Stein besuchte Ludger Stratmann auf Norderney.

 

Was schätzen Sie an Norderney mehr als am Ruhrgebiet?

Die Stimmung. Auf Norderney sind die Leute nur in Urlaubsstimmung.

 

Norderney ist nur Ihr zweiter Wohnsitz. Können Sie sich vorstellen, das Ruhrgebiet mal ganz für die Insel aufzugeben?

Nein. Das ganze Jahr hier zu sein, könnte ich mir nicht vorstellen. Im Winter ist es mir hier zu tot, auch wenn die Geschäfte dann teilweise noch alle geöffnet haben. Früher war hier alles dicht.

 

Was würden Sie im Ruhrgebiet vermissen?

Mein allmorgendliches Tässchen Espresso auf dem Kennedyplatz in Essen. Und die Menschen. Der Ruhri gefällt mir naturgemäß, mit dem komme ich zurecht, der spricht, wie er denkt. Von denen treffe ich aber auch viele auf Norderney.

 

Norderney ist eines der beliebtesten deutschen Urlaubsziele der Menschen in Nordrhein-Westfalen. Woran liegt das aus Ihrer Sicht?

Viele lernen die Insel durch Gruppenreisen kennen. Es soll eigentlich nur zum Partymachen nach Norderney gehen, dann stellen die Leute aber – völlig überraschend – für sich fest, dass man hier nicht nur Partys feiern, sondern auch Urlaub machen kann. (Lacht)

Warum haben Sie auf Norderney immer wieder die Inspiration für neue Programme gefunden?

Es ist so schön, wenn ich in aller Ruhe am Strand in den Dünen sitze und die Stimmung aufsauge. Zum Schreiben braucht man nämlich Stimmung. Früher haben wir gerne einen Strandkorb gemietet, die stehen ja dicht an dicht. Man bekommt also mit, was im Nachbar-Strandkorb vorgeht. Da habe ich schöne Anekdoten aufgabeln können.

 

Sie sind im Juli 69 Jahre alt geworden. In diesem Alter haben sich viele Ärzte bereits in den Ruhestand verabschiedet. Was sagt der Kabarettist in Ihnen? Haben Sie sich eine Grenze gesetzt, wann Schluss ist?

Ich mache noch so lange weiter, bis die Leute sagen, jetzt wird Stratmann senil. (Lacht) Nein, im Ernst: Ich stehe kurz davor, Schluss zu machen. Die ganz große Lust ist nicht mehr vorhanden, den Beifall brauche ich auch nicht mehr. Ich spiele sehr gerne noch bei mir im Theater. Bei den 300 Gästen kann ich sogar persönlichen Kontakt zu den Menschen herstellen. Aber das richtige Showgeschäft brauche ich nicht mehr – dafür habe ich in den vergangenen 20 Jahren zu hart gearbeitet. Ich hatte um die 4000 Vorstellungen. Dann ist irgendwann auch mal die Grenze erreicht. Mir fehlt das ganz Neue, ich möchte mal was ganz anderes machen…

 

Das da wäre?

Ein Buch, einen Insel-Roman schreiben. Hier auf Norderney. Über die unterschiedlichen Mentalitäten und die kleinen Erlebnisse. Da könnte ich mich anders ausdrücken als auf der Bühne.

 

Sie sind seit 1998 kein praktizierender Arzt mehr. Gibt es eigentlich trotzdem noch Menschen, die Sie fragen, ob Sie mal einen Blick auf ihre Wehwehchen werfen können?

Ganz ehrlich: Ich würde mich selbst nicht mehr von mir behandeln lassen. (Lacht)

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