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Francis Rossi im Interview: Status Quo-Frontmann: Musik als Droge

DORTMUNDStatus Quo ruht sich nicht auf dem Erreichten aus: Die Band hat bereits zum zweiten Mal ein akustisches Album veröffentlicht und plant sogar, die elektrischen Gitarren ganz einzumotten. Im Interview spricht der Bandgründer Francis Rossi (68) über die stärkste Droge, das Älterwerden und was ihn davon abhält, in den Ruhestand zu gehen.

Status Quo-Frontmann: Musik als Droge
Francis Rossi ist der Frontmann von Status Quo. Foto: Martial Trezzini/dpa

Mr. Rossi, welche Beziehung haben Sie zu Musik im Allgemeinen?

Es klingt ein bisschen schwülstig, aber Musik ist tatsächlich das Wichtigste in meinem Leben. Ob Country, Blues oder Pop – Musik berührt mich tief greifender als alles andere. Deshalb habe ich wahrscheinlich diesen Beruf gewählt, man kann ihn wirklich bis zum Ende seines Lebens ausüben. Musik ist die stärkste Droge, die ich kenne. Von Alkohol, Kokain oder Haschisch kann ich wieder loskommen, von Musik jedoch nicht. Seit ich 13 bin, denke ich praktisch an nichts anderes. Man kann das zwanghaft nennen, aber ich spiele halt in dieser Band. Jeden Morgen nach dem Aufstehen unterhalte ich mich sechs Minuten lang mit meinem Manager.

Momentan scheinen Sie an akustischen Klängen mehr Spaß zu haben als an elektrifizierten. Ein Zeichen, dass Sie älter werden?

Ich weiß gar nicht, ob unplugged mir wirklich mehr Spaß macht. Ich muss gestehen, dass ich sogar ein bisschen Angst vor der Akustiktour habe. Man muss dafür sehr viel üben. Aber wenn ich dann auf meiner Gitarre herumklimpere und ihr Klang den Raum füllt, bin ich glücklich. Viele unserer Songs wurden auf einer Klampfe geschrieben. Ich hätte nicht damit gerechnet, dass unsere Unplugged-Platten so erfolgreich werden würden.


Sind Sie sicher, dass Sie Ihre elektrische Gitarre Ende des Jahres an den Nagel hängen wollen?

In den letzten Monaten hat man mich das so oft gefragt, dass ich auf einmal nicht mehr so sicher bin. Eigentlich hatte ich das vor, zudem bin ich gerade 68 geworden. Keine Ahnung, wie ich mit 70 drauf sein werde. Wir haben dieses Jahr schon ein paar „elektrische“ Konzerte gespielt, aber der Plan ist eigentlich, damit irgendwann aufzuhören und nur noch akustisch aufzutreten. Wenn die Leute uns dann aber keine Tickets mehr abkaufen, müssen wir das Ganze noch einmal überdenken. Am besten, Sie fragen mich das noch einmal Ende des Jahres. Im Musikgeschäft macht es eigentlich keinen Sinn, etwas groß anzukündigen, weil es oft anders kommt, als man denkt.

Haben die fünf Jahrzehnte im Musikgeschäft Sie ein bisschen weise gemacht?

Ich denke, ein bisschen schon. Aber sobald ich in den Spiegel schaue, ziehe ich das gerade Gesagte wieder in Zweifel. Mit 27 habe ich das erste Mal den Satz gehört, ich sei zu alt. Und jetzt bin ich 68. Etwas in mir sagt, dass ich mit der Musik langsam aufhören sollte, aber dann steige ich auf die Bühne und spüre, wir sehr mir das Ganze noch Spaß macht. Das verwirrt mich. Aus irgendeinem Grund gilt es als gut, jung zu sein. Aber wenn ich auf meine eigene Jugend zurückblicke, sehe ich da einen verdammten Idioten. Ich finde, Männer sollten eine Zeit lang ihre Hoden abgeben. Dann kann man sich mit ihnen wenigstens vernünftig unterhalten. Im Musikbusiness geht es immer mehr um schneller, höher, weiter. Man ist nie zufrieden. Aber der Umstand, dass mein langjähriger Partner Rick Parfitt gestorben ist, erinnert mich an meine eigene Sterblichkeit. Der Tod gehört ja zum Leben dazu.

Der 31-jährige Ire Richie Malone ist für Rick Parfitt eingesprungen. Was ist das für ein Gefühl, mit einem deutlich jüngeren Rhythmusgitarristen zu spielen?

Tatsächlich wurde Richie uns noch von Rick persönlich empfohlen. Wir kannten ihn schon länger, sein Vater ist ein großer Quo-Fan. Er ist der Einzige, der Rick Parfitts Spielweise wirklich nahe kommt. Wir konzentrieren uns jetzt wieder mehr auf die Arrangements, denn Richie spielt jeden einzelnen Song sehr originalgetreu. Das stimuliert uns andere.

Fühlen Sie sich jünger, wenn Sie mit Richie spielen?

Auf der Bühne fühlt sich für mich im Moment alles frisch und neu an. Ich mache immer Witze über unseren Altersunterschied, aber auch mein anderer Bandkollege Leon ist deutlich jünger als ich.

„Ich werde alles anders machen als meine Eltern“. So lautet ein häufiger Vorsatz junger Menschen. Haben Sie sich persönlich daran gehalten?

Natürlich habe ich mir das auch geschworen, aber irgendetwas in uns bewirkt, dass wir trotzdem so werden wie unsere Eltern. Manchmal bin ich richtig stolz, dass ich ein bisschen wie mein Vater und meine Muter bin, und gleichzeitig verfluche ich es. Ich bin in der Nachkriegszeit aufgewachsen. Damals dachte ich, die Zukunft wird fantastisch. Nun ist diese Zukunft da. Ist sie wirklich fantastisch? Ich habe da so meine Zweifel. Ich finde es zum Beispiel frustrierend, dass es heute so viele Quellen gibt, aus denen man sich informieren kann – man weiß nie, ob man sich für die richtige entschieden hat. Das war in den 80er-Jahren noch einfacher. Jetzt rede ich schon wie mein Vater. Aber ich bilde mir ein, dass wir trotzdem einen Schritt weitergekommen sind.

Wird der Brexit sich auf Ihre Arbeit auswirken?

Ich glaube nicht. Viele Leute, darunter auch meine ältesten Söhne, konnten sich nicht vorstellen, dass es jemals so weit kommen würde, deshalb sind sie erst gar nicht zur Wahl gegangen. Das war ein Fehler. Ich mag die Idee der EU. Sie steht für Fortschritt. Zwischen Patriotismus und Nationalismus liegt nur ein schmaler Grat. Kein Land ist besser als das andere. Wo man geboren wird, ist reiner Zufall.

Wie viele Länder haben Sie in Ihrem Leben gesehen?

Ich habe sie nicht gezählt. Das erste Land außerhalb unserer Heimat, in dem wir spielten, war Irland. Und mit 15 war ich das erste Mal in Frankreich. Nach Deutschland kamen wir um 1969 / 70. Es begann in Bielefeld. Ich verliebte mich sofort in alles Deutsche. Ich konnte überhaupt nicht begreifen, was zuvor zwischen Deutschland und England passiert war. Es hatte ganz viel mit Männern und ihren Hoden zu tun. Auch heute noch drehen sich viele Gespräche um Fußball und den Zweiten Weltkrieg. Ich kann es langsam nicht mehr hören.

Gibt es den perfekten Moment, um mit etwas aufzuhören?

Nun, ich bin selbstständig, seit ich 15 bin. Da ist es schwer, einfach aufzuhören. Jedes Jahr stelle ich mir diese Frage aufs neue. Die Vorstellung, nicht mehr zu arbeiten und kein Einkommen mehr zu haben, fällt mir schwer.

Sie könnten es sich aber leisten, oder?

Wirklich? Mit 35 wollte ich das erste Mal aufhören, dann hätte mein Erspartes bis zu meinem 50. Lebensjahr gereicht. Da ich meinen Lebensstil aber sehr mochte, machte ich weiter. Ich mag ihn immer noch, und ich liebe meine Arbeit. Wenn ich jetzt aufhören würde, bin ich nach dem nächsten Finanzcrash möglicherweise pleite. Deswegen mache ich immer weiter.

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