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Gastspiel im Dortmunder Konzerthaus: Die „Rocky Horror Show“ wird neu inszeniert

LONDONDie Show ist so irre, dass niemand ernsthaft geglaubt hatte, sie würde über ein paar Abende auf einer Mini-Bühne hinaus kommen. Ein Irrtum. Im Januar 2018 gastiert eine neue Inszenierung der „Rocky Horror Show“ im Dortmunder Konzerthaus.

Die „Rocky Horror Show“ wird neu inszeniert
Bunt, schrill, rockig: Ein B-Picture auf der Bühne ist die „Rocky Horror Show“. Foto: Jens Hauer

Die Pineapple Studios im Londoner Bezirk Covent Garden sind hauptsächlich Tanzenthusiasten bekannt. Denen aber umso besser. Wer das unscheinbare Gebäude betritt, kann, wenn alle zehn Tanzsäle besetzt sind, durchaus eine kleine Zeitreise durch die Musicalgeschichte unternehmen. Hier wird geschwitzt, geflucht, gelacht und geweint. Alles, was man eben so tut, wenn man vom Probenraum mit den großen Spiegeln auf die große Musicalbühne will. Das Pineapple ist ein inzwischen über die Landesgrenzen hinaus bekanntes, ideales Sprungbrett dafür.

Und genau dorthin, auf die großen Bretter nämlich, wollen Aaron, Jenny, Liam, Tom und Jade, die im zweiten Stockwerk zu hämmernden Klängen vom Klavier den „Time Warp“ aufs Parkett legen. Das vielleicht bekannteste Lied der legendären „Rocky Horror Show“ mit der Stimme aus dem Off, die Anweisungen gibt: „It’s just a Jump to the left“, heißt es gerade. Legendär.

„Er will die Veränderung"

Hinter den Tänzern, ganz wie im Filmklassiker „Flashdance“, sitzen drei Menschen, die nun final wissen möchten, ob das Quintett tatsächlich vor Publikum bestehen kann. Während Choreograf Matthew Mohr den Takt zum Song mit den Fingern schnippt und die Bewegungen seiner Schützlinge genau studiert, hockt auf einem harten Plastikstuhl an einem kargen Tisch mit einem Wasserfläschchen in den Händen Regisseur Sam Buntrock. Er hat die schwierige Aufgabe, mit der Neuinszenierung der Rocky Horror Show die gestandenen Fans nicht zu verstören und neue an das schrille Spektakel heranzuführen.

„Unsere Cast steht, die Fünf sind alle dabei“, sagt er. Man spüre, rieche und schmecke förmlich das Verlangen der Künstler, sich zu präsentieren und mit auf Tour zu gehen: „Viele der seit Jahren erfolgreichen Shows müssten eigentlich entstaubt und in veränderter Form auf die Bühne geschickt werden, aber die Rechteinhaber verhindern das“, weiß Sam Buntrock. Rocky-Vater Richard O’Brien sei da ganz anders: „Er will die Veränderung, weil er weiß, dass sich das Umfeld stetig ändert.“ Wie genau Buntrock dem Klassiker eine behutsame Renovierung verpasst, sagt er nicht. Es werde aber wohl ein wenig gestrafft, näher dran am Original aus den 70ern will man sein. Back to the Roots.

Bindung zu den Charakteren aufbauen

Dann kehrt Jade Davies noch einmal zurück in den Raum. Gerade hat sie getanzt, nun muss sie singen. Den Part der „Columbia“, die sich mit Quietschstimme durch ihren Part im Time Warp blödelt, meistert sie grandios: „Genau das ist das Problem bei dieser Produktion. Es reicht nicht, gut tanzen oder gut singen zu können. Beides muss auf hohem Niveau geschehen, damit die richtige Stimmung erzielt wird“, erklärt Buntrock. Wichtig vor allem: Niemals sichtbar um Lacher feilschen. Alles muss wie improvisiert daherkommen. Schwierig. Keine andere Inszenierung habe es geschafft, die Fans eine solche Bindung zu den Charakteren aufbauen zu lassen: „Dass die Leute verkleidet ins Theater kommen, sich eine Zeit lang einfach fühlen wollen wie Frank‘n‘Furter und die anderen, das gibt es ja nur da.

Wie er das geschafft hat, weiß Richard selbst nicht so genau.“ Richard O’Brien ist wieder gemeint, der Mann, der das Spektakel erfand und absegnen muss, was Buntrock ändern möchte. „Manche nennen die Rocky Horror Show immer noch ein Musical. Aber das ist sie nicht und wollte sie auch nie sein. Es ist eine Rock’n‘Roll-Show, die den Menschen versucht zu vermitteln, dass sie einfach sein sollen, wie sie sein möchten. Das ist ja ein zeitloses Thema und erklärt vielleicht den Erfolg über weit mehr als 40 Jahre.“

Siegeszug der Freak-Show

Buntrock ist zufrieden mit diesem Nachmittag und zieht sich erst mal wieder in sein Büro zurück. Am Nachmittag des nächsten Tages ist er wieder da. Diesmal deutlich entspannter an historischer Stelle. Ganz oben unterm Dach im „Royal Court Theatre“ am Sloane Square im Stadtteil Chelsea. Am 16. Juni 1973 begann in einem schmucklosen Raum, der eher an eine große Dachkammer erinnert, der Siegeszug der Freak-Show. In einer Ecke sitzt der Mann, der dafür gesorgt hat, dass die Musik inzwischen legendär ist und auch im Kino Erfolg hatte: „Der Film ist ja etwa 100 Minuten lang und hat mit dem Original aus dem Sommer ‘73 nicht so viel gemein. Das ging damals über etwa 50 Minuten und war sehr spartanisch ausgestattet. Das Publikum ist brav sitzengeblieben und wurde nicht, wie heute, in das Geschehen einbezogen. Alles war viel schneller, die Gags wurden weniger ausgewalzt“, erklärt Komponist Richard Hartley.

Aber alles wurde schon damals getragen von dem Mann, der für die Fans immer noch der ultimative Frank’n’Furter ist: „Tim Curry ist halt die Ikone. Er war von Anfang an der Typ mit den zwei völlig gegensätzlichen Gesichtern. Vertrauenerweckend und furchtbar angsteinflößend.“ Für Curry war die Rolle Fluch und Segen zugleich: „Er hat schon darunter gelitten, dass er für alle immer der Frank war. Aber er hat seinen Frieden damit gemacht“, sagt Hartley.

Jubel von Londons Kritikern

Eigentlich sollte die Inszenierung auf dem Dachboden ein temporäres Ereignis bleiben. Niemand dachte daran, dass dieses Stück aus dem Tollhaus, erwachsen aus O’Briens Liebe zu billigen Filmproduktionen (B-Movies), mal Weltruhm erlangen würde. „Selbst Richard war verwundert, als der australische Regisseur Jim Sherman, dem er eher nebenbei das Buch gezeigt hatte, die Sache tatsächlich inszenieren wollte.“ Sherman hatte schnell gemerkt, dass diese Nummernrevue, die „ja eigentlich gar nicht funktionieren kann“, wie Hartley schmunzelnd bemerkt, „etwas tief Menschliches anspricht. Seine Sexualität. Und zwar mit vielen Tabubrüchen. Sherman fühlte, dass die Zeit reif war für diese Themen. Wir waren ja in den 70ern.“ Glücklicherweise war die Dachbühne an ein paar Abenden frei. Und so stampfte man schnell die Bühnenfassung aus dem Boden. Londons Kritiker jubelten im Chor.

Ein Ende der Horror-Erfolgsgeschichte scheint nicht absehbar. Der Vorverkauf für die neue Tour läuft gut. Vielleicht auch, weil mit Sky du Mont wieder jemand die Erzählerrolle übernimmt, der den Fans bestens bekannt ist. Im Dortmunder Konzerthaus wird vom 3. Januar kommenden Jahres bis zum 10. Januar gemeuchelt, geblödelt und gesexelt. Du Mont ist vom 3. bis 7. Januar dabei. Der Vorverkauf läuft. Warum, wird Sam Buntrock gefragt, gebe es eigentlich keine erfolgreiche Fortsetzung der Story? Der Meister überlegt einen Augenblick und erklärt dann: „Es gibt Stücke, die sind in sich so stimmig, so perfekt, dass eine Fortsetzung nur scheitern kann. Oder kennt hier jemand vielleicht einen zweiten Teil von ‚Schwanensee‘?“

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