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Interview mit Al Gore: "Es ist ein wenig wie in diesen alten Horrorfilmen"

DortmundEr ist der Mann für unbequeme Wahrheiten: Al Gore war acht Jahre lang unter Bill Clinton Vizepräsident der Vereinigten Staaten. Und seit jeher ein Kämpfer für den Klimaschutz. Wir trafen ihn zum Interview. Ein Gespräch über Donald Trump, Fleischkonsum und Hoffnung.

"Es ist ein wenig wie in diesen alten Horrorfilmen"
Für seinen Film „Immer noch eine unbequeme Wahrheit“ besuchte Al Gore auch Grönland. Foto: dpa

Rekordfluten in den USA, Indien und Pakistan, Bergstürze in der Schweiz und abbrechende Eisberge: Die Folgen der globalen Erwärmung sind allgegenwärtig. Vor elf Jahren widmete sich die mit dem Oscar prämierte Dokumentation „Eine unbequeme Wahrheit“ dem Kampf des Aktivisten Al Gore gegen die Umweltverschmutzung. Nun wird der Dokumentarfilm fortgesetzt. „Immer noch eine unbequeme Wahrheit“ blickt trotz vieler Hiobsbotschaften optimistisch in die Zukunft. Ein Gespräch über Donald Trump, Fleischkonsum und Hoffnung.

Mr. Gore, wie kann es sein, dass der Klimawandel heute noch geleugnet wird?

Upton Sinclair, ein hervorragender US-Autor und Journalist, hat vor mehr als hundert Jahren den Ausspruch geprägt: „Es ist schwierig, einen Menschen dazu zu bringen, etwas zu verstehen, wenn sein Einkommen davon abhängt, dass er es nicht versteht.“ Ich glaube, dieses Element bekräftigt viele Menschen in ihrer Leugnung. Aber diese Leugnung beginnt zu erodieren. Mutter Natur zeigt ihre ganze Überzeugungskraft, und die Menschen beginnen umzudenken. Von manchen Leugnern des Klimawandels habe ich allerdings den Eindruck, sie verfügen über einen eingebauten Teleprompter, auf dem die Fox News in Dauerschleife laufen. Bei solchen Leuten komme ich manchmal zu dem Entschluss, dass es besser ist zu sagen: „Vielen Dank, es war schön, mit Ihnen zu reden. Aber jetzt rede ich lieber mit jemand anderem.“

Fällt es Ihnen manchmal schwer, Ignoranten gegenüber die Fassung zu wahren?

(Lacht) Ich bin zur Gewaltlosigkeit verpflichtet. In jedem Menschen, der an der Lösung der Klimakrise arbeitet, wird irgendwann der Kampf zwischen Hoffnung und Verzweiflung toben. Bei mir setzt sich am Ende immer die Hoffnung durch. Ich versuche stets, das Aufkommen von Zorn zu vermeiden. Aber es gibt solche Momente, etwa wenn ich die hartnäckigen Unwahrheiten der Kohlenstoffsünder höre und mich darüber wundere, wie sie nur damit einfach weitermachen können.

Inwiefern war die Wahl Donald Trumps ein Rückschritt für Ihre Arbeit?

Es ist ein wenig wie in diesen alten Horrorfilmen wie „Warte, bis es dunkel wird“. Der Bösewicht schien schon besiegt und steht plötzlich wieder auf. Es liegt an uns allen, das Ende dieses Filmes zu schreiben. Es gibt für jede Aktion eine passende Gegenreaktion. Trump inspiriert mit seinen absurden Äußerungen über das Klima eine sehr starke Reaktion. Ich denke, er hat sich selbst isoliert.

Das Klimaschutz-Übereinkommen von Paris spielt im Film eine zentrale Rolle. Wie viele Telefongespräche mussten Sie im Vorfeld führen?

Unzählige. Der Film fängt vieles ein, aber nicht alles. Natürlich waren in diesen Prozess auch viele andere involviert. John Kerry und ich sind seit vielen Jahren Verbündete, es ist immer ein Vergnügen, mit ihm zu arbeiten. Auch Präsident Obama spielte eine zentrale Rolle. Dem ehemaligen französischen Präsidenten Hollande gebührt wesentlich mehr Anerkennung, als er sie von Frankreich und der Weltgemeinschaft erfahren hat. Es war äußerst beeindruckend, wie Frankreich diese Konferenz organisiert hat. Auch Laurent Fabius, der Außenminister, der der Konferenz vorstand, hat Großes geleistet. Christiana Figueres, die Generalsekretärin der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen, war maßgeblich am Erfolg beteiligt. Viele Menschen haben einen Beitrag geleistet.

Ist es der Kapitalismus, der die Schuld am Klimawandel trägt?

Eine Interpretation des 20. Jahrhunderts ist, dass die Alternativen zum Kapitalismus auf der linken und der rechten Seite zu extremen und ernsthaften Problemen führen. Nicht zuletzt, was die Verletzlichkeit der Freiheit des Individuums angeht. Außerdem haben sie der Umwelt großen Schaden zugefügt. Für mich liegt die Herausforderung darin, den Kapitalismus zu reformieren. Eine dieser systemischen Veränderungen wäre es, den Kohlenstoffausstoß mit Strafzahlungen zu belegen. Dann würde der Markt stets automatisch die Umweltschäden durch Kohlenstoffemissionen kalkulieren. Eine andere Veränderung bestünde darin, darauf zu bestehen, dass die Regierung keine fossilen Brennstoffe mehr subventioniert. Im globalen Maßstab übersteigen die Subventionen für fossile Energien die für erneuerbare um das 40-fache. Reformen sind essenziell.

Sie selbst sind ein reicher Mann. Sehen Sie sich als Kapitalist des linken Flügels?

Dieses spezielle Etikett habe ich mir noch nie angeheftet. Bei meinen geschäftlichen Aktivitäten konzentriere ich mich auf das Vorantreiben eines zukunftsfähigen Kapitalismus. Ich prüfe jedes Geschäftsszenario auf Nachhaltigkeit.

Ein indischer Politiker sagt im Film, dass sich der Wohlstand der USA auf fossilen Brennstoffen gründet. Und er fragt, warum Sie ihm jetzt die Lektion erteilen wollen, anders zu handeln.

Ja. Und es ist ein nachvollziehbarer Standpunkt, oder? Das Land leidet unter extremer Armut. Und man ist zu dem Entschluss gelangt, dass es wohl das Beste wäre, genau jene Wege zu beschreiten, die Westeuropa und die USA seinerzeit beschritten haben. Es ist einfach, das zu verstehen. Aber so hat man eine kritische Luftverschmutzung herbeigeführt. Sie rührt von den Verbrennungsrückständen fossiler Brennstoffe her, die dort in großem Maße zur Anwendung kommen. Jetzt steht man auch vor einer politischen Krise, weil Angehörige der neuen Mittelklasse die Luftverschmutzung satt haben. Diese Menschen sind via Smartphone gut genug darüber informiert, welchen Schaden ihre Lungen dadurch nehmen. Ihre Ansichten beginnen sich zu ändern.

Ein großes Problem ist auch der steigende Fleischkonsum. Wie halten Sie es selbst damit?

Die Landwirtschaft trägt zu etwa 15 Prozent zur Klimakrise bei. Die Tierwirtschaft trägt den Löwenanteil daran. Vor fünf Jahren wurde ich Veganer. Aber ich rede nicht auf andere Menschen ein, wie sie sich ernähren sollen. Es ist eine so persönliche Entscheidung. Ich habe mich damals als Selbstexperiment 30 Tage lang vegan ernährt. Einfach um zu sehen, wie das ist. Danach habe ich mich besser gefühlt, also habe ich es beibehalten. Mit steigenden Einkommen wächst auch in den Entwicklungsländern der Fleischanteil an der Ernährung. Und bekanntlich braucht es 8 Pfund an pflanzlichem Protein, um 1 Pfund tierisches Protein zu erzeugen.

Ist es an der Zeit, einen internationalen Gerichtshof für Umweltfragen zu schaffen?

Eine interessante Idee. Ich bin der Meinung, dass das Polarmeer für die Ölförderung Tabu sein sollte. Zwei Drittel des Kohlenstoff-Ausstoßes gehen auf das Konto multinationaler Konzerne, und eine Überwachung kann schon heute nicht gewährleistet werden. Es ist meiner Meinung nach Wahnsinn, sich in diese extrem zerbrechliche Umwelt zu begeben, um nach noch mehr Öl zu suchen. Besonders in einer Region wie der Arktis, die einem Bohrer nichts entgegenzusetzen hat. Aber ich bezweifle, dass das globale, politische System bereits ein Level erreicht hat, das die Einrichtung eines entsprechenden Gerichtshofes ermöglichen würde.

Was braucht man, um ein erfolgreicher Aktivist zu sein?

Wissen ist Macht. Man muss es aber mit Empathie und Leidenschaft kombinieren.

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