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Mutter eingeschläfert: Kängurubaby wird im Ersatzbeutel großgezogen

MÜNSTEREs fing alles mit einem roten Rucksack an. Es war ein Provisorium aus Kunststoff, alles andere als perfekt. Aber für Alinga, das kleine Känguru-Mädchen aus dem Allwetterzoo Münster, war es die Rettung. Ihre Mutter war eingeschläfert worden, plötzlich fehlte ihr Beutel und schnell mussten die Möglichkeiten abgewogen werden.

Kängurubaby wird im Ersatzbeutel großgezogen
Tierpfleger Ralf Nacke zieht die kleine Alinga mit der Flasche groß. Foto: Sandra Heick

Es war Ende Mai, als Tierpfleger im Allwetterzoo Münster bemerkten, dass mit einer Känguru-Mutter etwas nicht stimmte. Ein schwerer bakterieller Infekt raubte ihr mehr und mehr die Kraft – und sie musste eingeschläfert werden. Eine harte Entscheidung. Doch was sollte mit ihrem Jungtier geschehen? Zwei Tage lang wägten die Zooführung und Ralf Nacke, der für die Kängurus zuständig ist, die Möglichkeiten ab.

Und sie kamen zu dem Schluss: Das Kleine hat gute Chancen, zu überleben, wenn sich jemand ihm annimmt. „Es war eine Kopfentscheidung“, sagt Ralf Nacke. Eine Entscheidung, die der kleinen Alinga das Leben rettete. Eine Entscheidung, die Ralf Nackes Leben auf den Kopf stellte.

Der Tierpfleger setzte den roten Plastikrucksack von einer seiner beiden Töchter auf, polsterte ihn mit einem Handtuch, stopfte eine Wärmflasche rein. Er schuf einen Ersatz-Beutel für Alinga, die damals noch „wie ein Alien“ aussah, schenkte ihr Wärme und Nähe. „Ich war die erste Wahl und ich sah es als eine Herausforderung an“, sagt Nacke heute.

Vom Bauchgefühl geleitet

Er habe in 40 Jahren Berufsleben schon oft Vögel mit der Hand aufgezogen, auch bei der Handaufzucht von Schimpansen sei er dabei gewesen – „aber das war anders“. Es gab zum Beispiel mehr Erfahrungswerte. Bei Alinga vertraute Nacke auf seinen Bauch, sagt er. Der leibliche Vater interessiere sich nicht für sein Junges, was bei Kängurus üblich sei.

Am Anfang, so erzählt es Ralf Nacke, hat Alinga die Flasche verschmäht. Die Lämmer-Ersatzmilch, die er ihr anbot, war ungewohnt. Das schmeckte ihr nicht. Also hat ihr Ziehvater ihr Tag für Tag „mit sanfter Gewalt“ Milch eingeflößt, um sie bei Kräften zu halten. Rund zwei Wochen sei es ein ständiger Kampf gewesen, auch als das Milchpulver aus Holland eintraf, speziell für Kängurus entwickelt. Da war viel Geduld gefragt. Und die hatte Nacke.

Inzwischen trinkt Alinga ihre Fläschen artig aus, frisst auch Möhrchen, Weide, Petersilie, Knäckebrot und manches mehr. „Und als mal ein Glas Orangensaft auf dem Boden stand, da hatte sie sofort ihr Näschen drin“, sagt Nacke. Den roten Rucksack, „der farblich nicht zu mir passte und keine gute Belüftung ermöglichte“, hat der Tierpfleger schnell gegen ein grau-weiß-gestreiftes Exemplar aus Baumwolle eingetauscht. Das wurde sein ständiger Begleiter.

Wäschetonne voller Handtücher

Alinga kam mit zur Familie Nacke nach Hause, schläft bis heute in einer Wäschetonne voller Handtücher im Schlafzimmer, musste anfangs alle zwei Stunden gefüttert werden. Eine Nachtschicht folgte auf die nächste und tagsüber wartete dann die Arbeit im Allwetterzoo. Nacke leitet dort das Vogelrevier, die Kängurus gehören der räumlichen Nähe ihrer begehbaren Anlage wegen zu seinem Revier. „Das alles unter einen Hut zu bringen hat geschlaucht“, sagt Nacke heute. Aber für Alinga habe er es durchgezogen.

Das kleine Känguru-Mädchen, sagt Nacke, habe sich besser als gedacht an sein Haus gewöhnt. Sie meistere den relativ glatten Holzboden mit gekonnter Langsamkeit und rutsche nur dann mal aus, wenn es klingelt und sie sich erschreckt. „Die gesamte untere Etage ist Känguru-Gebiet“, sagt Nacke, „und selbst wenn es da mal vom Hund abgeschleckt wird, bleibt unser Känguru meist entspannt.“

Und das Beste: Alinga ist stubenrein. „Sie pinkelt nur auf ihre Handtücher“, sagt Nacke. „Und um die Verdauung anzuregen, holt sie sich Bauchmassagen von mir ab.“

Sprechstunden im Allwetterzoo Münster

In der Känguru-Anlage des Allwetterzoos gibt es einen abgesperrten Bereich für Alinga, wo sie bei zahlreichen Känguru-Sprechstunden den Besuchern vorgestellt worden ist; und auch im Garten der Familie Nacke hat sie einen Auslauf. Da stehen zwei Stühle drin, auf denen die Nackes gerne sitzen und ihrem Schützling beim Herumflitzen zusehen. Geht’s zurück in den Rucksack, wickelt Nacke ein Handtuch um Alinga und sie macht eine Art Purzelbaum.

„Bei den Nachbarn bin ich interessanter geworden, seit ich den gestreiften Rucksack habe“, sagt Ralf Nacke. Aber ständig geklingelt werde bei ihm nicht. Und das Känguru anzufassen, das sei tabu. „Ich will die Kleine nicht präsentieren und stressen“, sagt Nacke. „Ich verstecke sie so viel wie möglich.“ An sich selbst hat Nacke den Anspruch, den Kuschelfaktor gering zu halten, um Alinga nicht zu sehr an sich zu gewöhnen.

„Aber ganz bleibt das Kuscheln natürlich nicht aus – würde ich das behaupten, wäre es eine glatte Lüge.“ Witzig werde es, wenn im Biergarten plötzlich ein Beinchen aus dem stets leicht geöffneten Rucksack rausguckt. „Oder wenn sich mal wieder jemand wundert, warum ich mit meinem Rucksack spreche.“

Viele Namensvorschläge

Die Zoobesucher freuen sich über das kleine Känguru. „Wollen Sie es reinstecken?“, fragt nicht selten jemand und hält Nacke seinen Rucksack hin. Hunderte Namensvorschläge für den kleinen Hüpfer sind beim Allwetterzoo eingegangen. „Alinga“ überzeugte – es ist das Wort der Aborigines für „Sonne“. Ralf Nacke findet den Namen schön, aber er hat das Känguru-Mädchen stets Root genannt und nennt es innerlich noch immer so. An der Scheibe eines Aquariums in der Futterküche hängt ein Zettel mit der Aufschrift „Alinga!!“ Warum? „Weil ich mich dran gewöhnen muss“, sagt Nacke.

Und Nacke muss sich auch an den Gedanken gewöhnen, sein Känguru-Mädchen loszulassen. Noch zittert Alinga und ruft mit Lauten, wenn sich ihr Ziehvater von ihr entfernt. Doch schon bald soll sie außer Sichtweite Nackes einschlafen, bei ihren sechs Artgenossen im Allwetterzoo. „Es wird komisch werden, ohne Rucksack zur Arbeit zu fahren“, sagt der Tierpfleger. Pandora, die Zahmste aus der Känguru-Gruppe, hat Alinga schon vor der offiziellen Eingliederungsphase neugierig beschnuppert. Ein gutes Zeichen für das Zoo-Team.

Noch aber genießt Ralf Nacke die Zeit mit seinem Beuteltier im Rucksack. Es schläft, während er Pelikane füttert, und boxt sanft gegen seinen Ersatz-Beutel, wenn es Hunger hat. „Schwer wird die Kleine nicht, auch wenn wir viel unterwegs sind“, sagt der Tierpfleger. „Sie wiegt ja nicht mal zwei Kilo.“ Und ruhig ist Alinga auch.

Niemals vergessen

Ist man mit ihrem Ziehvater im Zoo unterwegs, vergisst man schnell, dass da ein Tier im gestreiften Rucksack steckt. Das Känguru-Mädchen lässt Nacke inzwischen auch nachts schlafen. Es kommt jetzt schon rund sechs Stunden ohne Milch aus. Wie gut die Eingliederung in die Känguru-Gruppe gelingt, wird sich zeigen. Ralf Nacke jedenfalls ist optimistisch. Und eins steht für ihn fest: Dass sein Ziehkind ihn immer wiedererkennen wird. „Immer.“

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