Ein Angebot aus dem Medienhaus Lensing

Umstrittene Wohnungsbau-Strategie: Deshalb steht "Nachverdichtung" in Dortmund hoch im Kurs

DORTMUNDWeil Dortmund wächst, müssen dringend mehr Wohnungen her. Freie Grundstücke sind aber rar und teuer. "Nachverdichtungen", das Bauen im Bestand, stehen deshalb hoch im Kurs. Anwohner laufen gegen die Pläne aber oft Sturm. Wir haben uns die beliebte und umstrittene Wohnungsbau-Strategie einmal genauer angeschaut.

1/2
  • Deshalb steht "Nachverdichtung" in Dortmund hoch im Kurs
    Das Sonnenbad auf dem eigenen Balkon ist Geschichte, wenn nur wenige nur Meter entfernt ein neues Haus hochgezogen wird. Das passiert bei der Nachverdichtung. Symbolbild: dpa

Es knirscht derzeit bei zwei Nachverdichtungen des Unternehmens Vonovia in Dortmund:

In Hombruch will es in Innenhöfen ein 80-Meter-Gebäude mit 35 Wohnungen errichten – die Anwohner sind auf dem Baum. Es gibt einen Bebauungsplan, die Stadt ist mit im Boot. Am 20. September soll sich der Umweltausschuss damit befassen.

An der Metzer Straße im westlichen Kreuzviertel will Vonovia auf einer Grünfläche ein neues Gebäude mit 14 Wohnungen errichten. Ein Bebauungsplan existiert hier – wie an vielen Stellen – nicht. Es gilt § 34 des Baugesetzbuches: Ein Bau ist zulässig, wenn er sich „nach Art und Maß der baulichen Nutzung, der Bauweise und der Grundstücksfläche, die überbaut werden soll, in die Eigenart der näheren Umgebung einfügt“. Wer sich daran hält und dabei auch Abstände zu Gebäuden einhält – darf bauen. Die Stadt prüft den Bauantrag derzeit noch.

Die Anwohner an der Metzer Straße wollen den Bau im Garten unbedingt verhindern: Hans-Peter Zehnter hat dazu mehr als 800 Unterschriften gesammelt, die er Oberbürgermeister Ullrich Sierau übergeben will. Auch hat er Briefe an diesen, die Bezirksvertretung Innenstadt-West und ihre Mitglieder geschickt – dort sollen die Pläne in der Sitzung am 20. September Thema sein.

Anwohner fürchten "gefährlichen Vorbild-Charakter"

Die Anwohner fordern von der Stadt, einen Bebauungsplan aufzustellen, um das Verfahren transparent zu machen und alle Interessen besser abzuwägen. Anwohner Szymon Smolana, selbst studierter Stadtplaner, sagt: „Es muss bei Nachverdichtungen eine städtebauliche Qualität geben.“ Die fehle an der Metzer Straße: Hier werde ein eher schlichtes neues Gebäude vor die Fenster und Balkone gesetzt – auf Kosten der Grünfäche samt Baum-, Pflanzen- und Tierbestand.

„Diese Art der Nachverdichtung könnte einen gefährlichen Vorbild-Charakter haben“, sagt Smolana mit Blick darauf, dass wohl zeitnah weitere Unternehmen in anderen Quartieren im Bestand bauen. Smolana und Zehnter befürchten, dass es ohne Bebauungspläne in ihrem sehr grünen Viertel wie in anderen Quartieren zu „städtebaulichen Missständen“ kommt.

Stadt will möglichst schnell neue Wohnungen schaffen

Was sagt die Stadt? Zur Metzer Straße teilt Stadtsprecherin Heike Thelen mit, man sehe keine „Notwendigkeit“, hier „die städtebauliche Entwicklung zu ordnen“.

Die Stadt könnte zwar für die Fläche eine sogenannte „Veränderungssperre“ erlassen, im Hinblick darauf, einen Bebauungsplan zu erstellen. Aber, sagt Prof. Klaus Joachim Grigoleit, Leiter der Fakultät Raumplanung an der Technischen Universität Dortmund: Dann müsse die Stadt auch klare positive Planungsziele formulieren. „Wenn es einer Kommune nur darum geht, ein Vorhaben zu verhindern, um protestierenden Anwohnern gerecht zu werden, ist das rechtswidriges Verhalten.“ Und ein Klagegrund für einen Investor.

Um künftig mehr Planungshoheit zu haben, könnte die Stadt zwar Bebauungspläne in Quartieren aufstellen, in denen Nachverdichtungen geplant sind. Das, sagt Thelen, sei „aus Kapazitätsgründen“ aber „nicht leistbar“.
Bebauungspläne kosten die Stadt Arbeit und Geld – und sie würden den Bau von Wohnungen deutlich verzögern. Das aber steht ihrem Ziel, schnell neue Wohnungen zu schaffen, entgegen.

"Wir wissen nicht: Wann rollen die Bagger?"

Losgelöst von der Forderung nach einem Bebauungsplan fordern Szymon Smolana und Hans-Peter Zehnter die Stadt auf, sich generell für eine transparente und offene Kommunikation durch Investoren einzusetzen. Bei Bauvorhaben nach § 34 müssen Investoren Anwohner nicht vorab informieren – die Leute an der Metzer Straße haben nur zufällig erfahren, dass Vonovia in „ihrem“ Garten bauen will. Eine offizielle Information gab es nicht. Das sorge für Wut, Angst, Ungewissheit bei den Anwohnern, sagt Zehnter: „Wir wissen nicht: Wann rollen die Bagger?“

Der für Dortmund zuständige Vonovia-Regionalleiter Ralf Peterhülseweh sagt zu der Kritik: „Wir verstehen die Verunsicherung der Mieter. Aber für uns ist es wichtig, dass die Planungen, die wir präsentieren, hieb- und stichfest sind. Hätten wir früh eine Infoveranstaltung gemacht, wäre zu vieles unklar gewesen.“ Wenn die Baugenehmigung vorliege, führe man eine Infoveranstaltung durch und sei „gerne bereit, uns die Sorgen der Anwohner anzuhören“. Peterhülseweh stellt aber klar: An den Planungen werde nicht gerüttelt.

Mieterverein fordert mehr Initiative der Stadt

Tobias Scholz vom Mieterverein Dortmund versteht nicht, „wieso die Stadt nicht eine bessere Informationspolitik von Vonovia einfordert“. Die Stadt könne doch auch nicht zufrieden sein, wenn Projekte derart in der Kritik stehen.
Und die Stadt ist wohl auch nicht zufrieden. Sprecherin Heike Thelen: „Die Stadt erwartet, dass bei Nachverdichtungen der Vorhabenträger die berührten Nachbarn – Eigentümer oder Mieter – zu einem frühen Zeitpunkt an der Konzeptentwicklung beteiligt. Leider passiert das nicht immer.“ Den letzten Satz kann man durchaus als Spitze in Richtung Vonovia lesen.

Von dort kommt immerhin eine gute Ansage an die Anwohner der Metzer Straße, die befürchten, Vonovia könne nach und nach den gesamten Grünstreifen zwischen Blankensteiner Straße und Kuithanstraße mit Neubauten füllen: „Das geplante Projekt ist die einzige Nachverdichtung, die wir dort planen“, sagt Ralf Peterhülseweg: „Grundsätzlich wollen wir viel Platz und Grün erhalten.“

Stadt will stärker in den Dialog mit Wohnungsbaugesellschaften treten
Die Stadt kündigt an, „verstärkt den Dialog mit den Wohnungsbaugesellschaften zu suchen, um verträgliche Gesamtkonzepte im Sinne von Quartiersentwicklungskonzepten zu erzielen“.
Bei größeren Maßnahmen berate in der Regel auch der Gestaltungsbeirat der Stadt.




 

 

 

 

Zur Startseite >

Kommentare

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

Bitte beachten Sie beim Verfassen eines Kommentars unsere Kommentarregeln.

Verkehr ohne Verkehrsregeln führt ins Chaos. Internet-Debatten ohne Verhaltensregeln auch. Deshalb gibt es diese Kommentarregeln. Sie definieren den Rahmen, der eine sachliche, niveauvolle, faire und offene Diskussionskultur möglich machen soll. Wir bitten alle Leserinnen und Leser, sich an die folgenden Regeln zu halten:

  • Registrierung: Um bei uns mitdiskutieren zu können, müssen Sie sich registrieren. Bitte tun Sie dies mit Ihrem tatsächlichen Namen. Wir behalten uns das Recht vor, Accounts mit Fantasienamen zu sperren.
  • Seien Sie freundlich, fair und tolerant! Ein guter Umgangston ist die Grundlage für eine gute Diskussion. Behandeln Sie andere so, wie Sie selbst behandelt werden möchten.
  • Das bedeutet: Keine persönlichen Angriffe auf andere Nutzer! Beleidigende, rassistische, sexistische, vulgäre, hetzerische oder gewaltverherrlichende Töne sind bei uns nicht erwünscht und werden vom Administrator gelöscht. Gleiches gilt für Links auf entsprechende Seiten im Internet.
  • Teilen Sie Informationen mit uns! Schenken Sie uns und den anderen Lesern Ihr Expertenwissen! Schildern Sie uns Ihre Beobachtungen als Augenzeuge! Stellen Sie Fragen und sagen Sie uns, wozu Sie noch mehr erfahren wollen!
  • Das Veröffentlichen urheberrechtlich geschützter Inhalte - zum Beispiel kompletter Artikel anderer Internetseiten - ist nicht erlaubt. Inhalte und Links mit werblichem oder kommerziellem Charakter werden gelöscht.
  • Es ist verboten, private Daten (Adressen, Telefonnummern, E-Mail-Adressen) zu veröffentlichen.
  • Beachten Sie das Thema einer Diskussion - Off-Topic-Beiträge sind unerwünscht.
  • Mit der Teilnahme an der Diskussion erkennen Sie die Kommentarregeln an. Bei Verstößen kann ein Diskussionsteilnehmer dauerhaft ausgeschlossen werden. Eine Registrierung unter einem anderen Namen wird nicht gestattet.
  • Wir behalten uns vor, einzelne Nutzerbeiträge in anderen Medien zu veröffentlichen. Ein Anspruch auf ein Honorar besteht nicht.
  • Bei technischen Problemen schreiben Sie bitte eine E-Mail an online@ruhrnachrichten.de.
Sie können bis zu 1000 Zeichen als Text schreiben.

Mehr aus diesem Ressort

Auch interessant

Weitere Artikel

Nach Oben
© 2016 Verlag Lensing-Wolff GmbH & Co. KG