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2017 bisher drei Sichtungen in NRW: Experten erwarten in diesem Jahr noch mehr Wölfe

NRWSie sind wieder da: Monatelang war Ruhe, jetzt gab es gleich drei Wolf-Sichtungen in NRW binnen einer Woche. Die Schäfer haben Angst um ihre Tiere und sie sind sauer: Denn die neuen Hilfen des Landes helfen ihnen nicht viel. Sagen sie. Und dabei erwarten Experten für dieses Frühjahr mehr Wölfe in NRW als 2016.

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  • Experten erwarten in diesem Jahr noch mehr Wölfe
    Ein Foto vom dritten Wolfs-Nachweis in diesem Jahr in NRW. Das Tier lief bei Brilon eine Weile parallel zu einer Landstraße. Eine Autofahrerin konnte ihn daher fotografieren. Foto: Katja Henneke/LANUV NRW

Johannes Remmel macht gern Werbung für den Wolf. Und als am 21. Februar ein Wolf bei Bad Oeynhausen gesehen wurde, musste es der NRW-Umweltminister (Grüne) sofort bei Twitter loswerden. Der Vorfall eignete sich besonders gut. Es war das erste Mal in diesem Jahr, dass ein Wolf in NRW nachgewiesen wurde. Genauer: das erste Mal seit einem Dreivierteljahr.

Experten zufolge werden in den kommenden Wochen wieder häufiger Wölfe in NRW auftauchen und wohl auch Tiere reißen. Wie schon im vergangenen Frühling. Und wie damals wird es wieder die geben, die den Wolf laut willkommen heißen. Das sind vor allem Naturfreunde und -schützer. Und die, die das Tier mit Sorgen und Ängsten betrachten. Das sind vor allem Kleintierhalter. Zwar hat NRW mittlerweile einen Wolfsmanagementplan und jüngst auch eine Förderrichtlinie "Wolf" verabschiedet, doch geht diese den Tierhaltern noch nicht weit genug. Ein Überblick.

 

Welche neuen Sichtungen gibt es?

Drei Mal ist bisher in diesem Jahr ein Wolf gesichtet worden:

  • Am 20. Februar hat ein Autofahrer nördlich von Bad Oeynhausen (Kreis Minden-Lübbecke) ein Exemplar gesehen und fotografiert. Das Bild genügte Experten, um sich festzulegen: Es war ein Wolf. Körperhaltung, Rücken, Beinlänge, Fell - alles stimmte. 
  • Am 21. Februar, nur einen Tag später, konnte eine Autofahrerin am Stadtrand von Lemgo (Kreis Lippe) erneut einen Wolf mit ihrem Handy fotografieren. Da Lemgo nur rund 30 Kilometer von Bad Oeynhausen entfernt ist, wird vermutet, dass es sich um dasselbe Tier handelt.
  • Am 25. Februar hat eine Frau einen Wolf bei Brilon (Hochsauerlandkreis) fotografiert, wieder aus einem Auto heraus. Das Tier lief eine Weile parallel zur Landstraße.

Der letzte Wolfs-Vorfall aus dem vergangenen Jahr liegt Monate zurück: Ende April hat eine  Wölfin  im Kreis Wesel mehrere Tiere gerissen. Insgesamt gab es im Frühjahr 2016 acht Wolfs-Vorfälle. Wobei mehrere auf das Konto ein- und desselben Wolfes gingen.

Wie viele Wölfe 2016 wirklich durch NRW streiften, ist unklar. Der Naturschutzbund (Nabu) spricht von mindestens zwei verschiedenen Tieren. Das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (LANUV) hat im vergangenen Jahr bis zu sechs verschiedene Exemplare für möglich gehalten.

Wie viele es auch sein mochten - sie haben insgesamt 13 Tiere gerissen. Der offiziellen Statistik nach. Gerade Schafzüchter halten die Dunkelziffer für weit höher.

Der Nabu hält alle Wolfs-Vorfälle in einer Karte fest:

 

Fast ein Dreivierteljahr hat sich kein Wolf in NRW blicken lassen - warum?

Ob wirklich keiner da war, ist nicht sicher, sagt Thomas Pusch, Wolfsbeauftragter des Nabu in NRW. Reißen sie keine Tiere oder laufen jemandem zufällig vor die Kamera, bleiben die an sich sehr scheuen Wölfe unbemerkt. Allerdings ist es generell so, dass im Frühjahr mit mehr Sichtungen zu rechnen sei, erklärt Pusch. Dann sind die Jungwölfe in Deutschland so alt, dass sie auf Wanderschaft gehen, auf der Suche nach einem Partner und einem eigenen Revier. 

2016 tauchte der Wolf nachweislich erst Ende März in NRW auf, 2015 schon im Januar, dieses Jahr dann im Februar. Dass die Zeitpunkte unterschiedlich sind, kann damit zu tun haben, von wo der Wolf loszieht, sagt Pusch. Und auch, wie fix er unterwegs ist. Das sei von Wolf zu Wolf unterschiedlich. 


Werden dieses Jahr mehr Wölfe nach NRW kommen als im vergangenen?

Beim Nabu ist man vorsichtig - auch weil man weiß, dass die Rückkehr des Wolfs umstritten ist: "Zu sagen, wie viele Wölfe kommen, ist reine Spekulation", sagt Wolfs-Experte Pusch. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass umso mehr Tiere über die niedersächsische Landesgrenze zu uns wandern, je mehr Wölfe es dort gibt, steige natürlich.

Und im Nachbarbundesland pflanzen sich die Wölfe fleißig fort. Anfang 2015 gab es fünf Rudel in Niedersachsen, derzeit sind es laut niedersächsischem Umweltministerium bereits neun, was um die 80 Wölfe bedeutet.

Bei den Schafhaltern ist man daher weit weniger vorsichtig mit der Prognose: "Wir erwarten, dass es schlimmer wird in diesem Jahr, dass es mehr Risse gibt", sagt Ortrun Humpert, Vorsitzende des Schafzuchtverbands NRW und selbst Schäferin. Zumal sich auch bei der Prävention nicht wirklich etwas getan habe.


NRW hat eine neue Förderrichtlinie zum Wolf veröffentlicht. Was besagt diese?

Das Ziel der Richtlinie, die im Februar veröffentlicht wurde, klingt zunächst gut für die Tierhalter: Zu "einem möglichst konfliktarmen Nebeneinander von Mensch und Wolf" in NRW wolle man mit den neuen Reglungen beitragen, heißt es beim Umweltministerium. Daher würden nun Risse entschädigt und auch Fördermittel bereitgestellt, damit Tierhalter ihre Herden vor Wölfen schützen können. Zum Beispiel mit Elektrozäunen und/oder Herdenschutzhunden.

Bodyguard für Schafe: Pyrenäenberghunde lassen sich beispielsweise als Herdenschutzhunde einsetzen.

Ein Pyrenäenberghund kann beispielsweise als Herdenschutzhund eingesetzt werden. Foto: dpa

 

Sind die Kleintierhalter zufrieden mit der neuen Richtlinie?

Teils teils. Mit den Entschädigungszahlungen sind sie recht zufrieden. "Das ist ordentlich geworden", sagt Schäferin Humpert. Zwar gab es auch im letzten Jahr schon Geld für gerissene Tiere, doch jetzt sei alles besser geregelt. Abläufe seien klarer und auch die Ansprüche erweitert worden: So sind nun zum Beispiel auch Hobbytierhalter, von denen es in NRW sehr viele gibt, berücksichtigt.

Gar nicht zufrieden aber sind die Tierhalter damit, wie Prävention gefördert wird. Die Krux liegt hier im Detail: Geld für den Bau von Zäunen oder für Hunde kann Tierhaltern nur gewährt werden, wenn sie sich in einem ausgewiesenen Wolfsgebiet befinden. Und zum Wolfsgebiet wird eine Region erst, wenn ein Wolf über die Dauer von einem halben Jahr mehrfach in diesem Gebiet nachgewiesen werden kann. So hat es das Land vor Jahren schon festgelegt. Und so wird es auch in der Richtlinie noch mal erwähnt.

Das bedeutet: Aktuell kann sich kein Schaf- oder Ziegenhalter Hoffnung auf Förderung machen. Da sich in NRW noch kein Wolf ein festes Revier gesucht hat, gibt es keine Wolfsgebiete. Ortrun Humpert regt das auf: "Prävention muss vorher einsetzen." Nun könnten die derzeit umherwandernden Wölfe recht leicht Schafe und Ziegen reißen. Und auch auf lange Sicht sei das fatal: Die Wölfe gewöhnten sich daran, dass Nutztiere leichte Beute sind, viel leichter als Wildtiere wie Reh oder Hirsch. 

"Man darf den Wolf nicht unterschätzen", sagt Humpert. Er lerne schnell. Eine Einschätzung, die auch das Kontaktbüro "Wolfsregion Lausitz", eine der führenden Institutionen in Sachen Wolf, teilt: "Je öfter ein Wolf Erfolg an ungenügend geschützten Schafen hat, desto mehr wird er versuchen, auch an geschützte Schafe zu kommen", heißt es auf der Homepage. Dabei lernten die Tiere fix, Schwachstellen einer an sich guten Schutzmaßnahme zu erkennen - und auszunutzen. Wie ein zu lose gespanntes Seil, eine abgeknickte Ecke im Zaun. 


Wie verteidigt das Land seine Förderung?

Das Umweltministerium führt an, dass sich nicht seriös sagen lasse, wo in NRW sich eine Wolf ansiedelt. Und ob überhaupt. "Unter diesen Umständen wäre es nicht verhältnismäßig, mit öffentlichen Geldern geförderte Präventionsmaßnahmen flächendeckend in allen Landesteilen vorbeugend umzusetzen", heißt es. 

Rückendeckung bekommt das Land vom Naturschutzbund: Allen Schäfern per se Zäune zu finanzieren, könne "nicht richtig" sein, sagt Pusch vom Nabu. Der Wolf werde sich mit Sicherheit nicht überall niederlassen. 

Sinnvoll wäre es laut Pusch aber in jedem Fall, die Regionen NRWs, die an ausgewiesene Wolfsgebiete in Niedersachsen grenzen, bereits zum Wolfsgebiet zu erklären. Denn der Wolf schere sich um die Landesgrenze nicht und Schäfer und Ziegenhalter könnten so bereits beim Aufbau neuer Zäune unterstützt werden. "Das wäre ein Signal gewesen", sagt Pusch. Das Land beruft sich aber darauf, dass es zur Zeit keine Nachweise für Wölfe gibt, die sich dauerhaft niederlassen - auch nicht in den Grenzregionen. Falls dort aber ein Wolf immer wieder über die Grenze komme, könne man im Einzelfall über Förderungen nachdenken. 

Die Kleintierhalter tröstet das jetzt nicht. Die Stimmung sei "aufgeheizt", sagt Humpert. Etwas mehr als 200.000 Schafe gebe es in NRW. Noch denke keiner der Halter oder Züchter ans Aufhören. "Aber wenn wir hier Verhältnisse wie in Niedersachsen haben, wird das anders aussehen."
 

Wie ist die Lage in Niedersachsen?

Da der Wolf sich dort schon dauerhaft angesiedelt hat, ist man weiter, was Prävention angeht, aber die Fronten sind auch verhärteter. Etwa zwei Drittel Niedersachsens sind bereits anerkannte Wolfsregion. Die Kleintierhalter bekommen Unterstützung, wenn sie sich spezielle Zäune oder Hunde anschaffen. Risse gibt es dennoch. 

Niedersachsens Umweltminister Stefan Wenzel (Grüne) und die Schafzüchter streiten sich immer wieder über die genauen Riss-Zahlen und über ausreichenden Schutz. Erst im Dezember noch haben die Schäfer vor dem Landtag in Hannover protestiert - mit toten und vermutlich vom Wolf gerissenen Schafen. Das Umweltministerium versucht, die Stimmung im Land aufzuhellen, zum Beispiel mit diesem Film:

 

Gerade in Niedersachsen gibt es aber auch immer wieder Berichte über besonders auffällige Wölfe, die Menschen ungewöhnlich nah kommen. Oder auch sehr hohe Zäune problemlos überspringen. Im vergangenen Frühjahr hat Niedersachsen einen dieser Wölfe erschießen lassen - insgesamt aber geht das Land den Schäfern noch zu zaghaft vor. 

Einige Halter und Züchter haben ihre Konsequenzen gezogen und nach einem Wolfs-Übergriff aufgegeben, heißt es beim Landesschafzuchtverband Niedersachsen. Genaue Zahlen habe er nicht, sagt Geschäftsführer Mathias Brockob. Bisher seien auch noch keine hauptberuflichen Schäfer dabei, aber auch unter diesen "seien einige nervlich am Ende". 

Erst Ende Februar hat die CDU in Niedersachsen gefordert, eine Obergrenze für Wölfe festzulegen. "Eine Regulierung der Wolfspopulation ist zwingend erforderlich", sagte ein Abgeordneter. Hierzu soll der streng geschützte Wolf ins Jagdrecht aufgenommen werden. Eine Forderung, über die bis auf höchster Ebene gestritten wird: zwischen Bundeslandwirtschafts- und Bundesumweltministerium. 

Auch  Schäferin Ortrun Humpert ist für eine Regulierung. "Wir wollen nicht, dass der Wolf blindlings abgeschossen wird, aber über den Erhaltungszustand kann man durchaus nachdenken", sagt sie. 

 

Mal abgesehen vom großen Streit um den Wolf. Was mache ich, wenn ich einem begegne?

Falls Ihnen ein Wolf begegnen sollte, heißt es:

  • Ruhe bewahren
  • Sich bemerkbar machen - zum Beispiel durch Klatschen oder Rufen (in der Regel sollte sich der Wolf dann zurückziehen)
  • Falls nicht, machen Sie Lärm und ziehen Sie sich zurück
  • Auf keinen Fall füttern
Wolfsberater in NRW
Jede Sichtung eines Wolfes sollte gemeldet werden. Das gilt auch, wenn Sie tote Tiere finden, die ein Wolf gerissen haben könnte. Hierzu hat das Land Wolfsberater ausgebildet. Gerade im vergangenen Jahr sind sehr viele hinzugekommen - wie zum Beispiel Winfried Hardes, der für den Landesbetrieb Wald und Holz arbeitet. Er ist zuständig für Dortmund, Bochum, den Ennepe-Ruhr-Kreis, Hagen, Hamm und Herne. Einen Einsatz hatte er aber bisher noch nicht.

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Kommentare
  • Muss das sein,
    von TomSchulzeHelmke am 20.03.2017 09:26 Uhr

    dass die Gesellschaft in Kleintierhalter und Naturschützer eingeteilt wird? Nur weil ein paar Verbandsvertreter lautstark gegen den Wolf argumentieren heißt das ja nicht, dass es unter den Schafzüchtern keine aktiven Naturschützer gibt. Zumindest die Schäfer in unser Facebookgruppe "Schützt die Wölfe" schützen ihre Tiere richtig und freuen sich gleichzeitig über die Rückkehr der Wölfe in unsere Natur. Tatsächlich ist Naturschutz eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe und sollte auch nicht von einigen C-Politikern für ein paar Wählerstimmen benutzt werden, um einzelne Interessengruppen gegeneinader auszuspielen.

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