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Die ältesten Malls im Pott: Das Ruhrgebiet als Hochburg der Shoppingcenter

NRWIn den 1960er-Jahren schwappte das Konzept der Shoppingmall aus den USA nach Europa hinüber. In Deutschland ist das Ruhrgebiet von Anfang an eine Hochburg der Shoppingcenter: In Essen, Bochum, Oberhausen, Herne, Dortmund und Mülheim bricht in den 70er-Jahren eine wahre Center-Manie aus.

Das Ruhrgebiet als Hochburg der Shoppingcenter
Einkaufsstraße des 1977 eröffneten City-Center Lüdenscheid. Archiv Peter Pohlack

Der österreichische Architekt Victor Gruen gilt für die Architekturgeschichte als Vater des Shoppingcenters in seiner modernen Ausprägung. 1940 in die USA emigriert, begann er 1952 damit, ein Konzept für die Nahversorgungsprobleme in den US-Vorstädten zu entwickeln. Seine Idee: Die Shoppingmall sollte den Menschen in den Stadträndern großer US-Metropolen die Handels- und Freizeitvorzüge der Innenstädte bieten – ohne dass sie selbst aus ihrem heimischen Umfeld heraustreten mussten.

All das, was das wirtschaftliche und kulturelle Leben in den Innenstädten ausmacht, will Gruen in einem einzigen überdachten Großgebäudekomplex konzentrieren. Den nötigen Platz bieten nur Standorte "auf der grünen Wiese": Dementsprechend werden große und zuvor nicht durch Besiedlung erschlossene Freiflächen in Vorstadtlage bebaut.

Neue Center imitierten Innenstadtkern

Bereits seit den 1920er-Jahren hatte es in den USA Bauten gegeben, die Handelsflächen unter ihren Dächern konzentriert ballten. Im Gegensatz zu Gruens Ansatz war dabei aber nicht versucht worden, einen Innenstadtkern mit all seinen typischen Attributen zu imitieren. Vom Ansatz her ging es dabei allein darum, eine Vielzahl von stationären Händlern unter ein Dach zu bringen.

Nach Gruens neuem Konzept eröffnete 1956 das Southdale Center in Edina, Minnesota, die Mutter aller modernen Shoppingcenter. Zu Beginn der 1960er schwappte die Center-Idee dann nach Europa und auch Deutschland begann mit der Entwicklung dieses neuen Typs der Handelsimmobilien.

Architektonisch gab es dabei zunächst keine einheitliche Linie: Vorwiegend wurde auf eine funktionale und zweckmäßige Gestaltung der Shoppingcenter gesetzt. Überwiegend hieß das: Verwinkelt aufgebaute Ladenstraßen ohne Tageslichteinfall und tiefe abgehangene Decken.  

NRW mit Vorreiterrolle: Viele Malls entstanden

NRW nahm als Entwicklungsstandort der Shoppingcenter in Deutschland früh eine Vorreiterrolle ein, wie an der schieren Menge von damals neu entstehenden Einkaufszentren zu erkennen ist. Nachdem das Main-Taunus-Zentrum im hessischen Sulzbach als erster deutscher Mall-Bau nach US-Vorbild auf der Grünen Wiese Mitte 1964 eröffnete, folgten bereits die ersten beiden Malls im Ruhrgebiet: der Ruhr-Park Bochum (1964) und das Lippe-EKZ in Hamm (1969).

Beide Center der ersten Generation griffen Victor Gruens Ursprungskonzept vom zwischenstädtischen Regionalzentrum auf. Sie sind künstlich angelegte (und überdachte) Innenstädte außerhalb der eigentlichen Stadtkerne. Die Ansiedlung des stationären Handels ist nicht natürlich gewachsen, sondern am Reißbrett vorab konzipiert.

Danach entfernte man  sich rasch vom originalen Entwurf Gruens' auf der grünen Wiese. Geschuldet war dies einer Reglementierung durch das deutsche Bundesbaugesetz, das strenge Vorgaben bei der Ansiedlung von Gewerbeimmobilien auf nicht erschlossenen Freiflächen außerhalb von Stadtgrenzen vorsah.

Erste komplett überdachte Center in Deutschland

Im Zeitraum von 1970 bis 1980 entstanden die Center der zweiten Generation. NRW erlebte den ersten großen Boom der Ansiedlungen. Die fanden allerdings überwiegend in den Innenstädten oder in Stadtteillagen statt. In Herne und Mülheim entstanden in dieser Phase die ersten komplett überdachte Malls in Deutschland. In der Absicht, die Kaufkraft zu binden und einen Abfluss in die großen Städte zu verhindern, sprangen  in dieser Phase auch kleinere und mittelgroße Kommunen auf den Shoppingcenter-Zug mit auf. 

Im Zuge von Innenstadtsanierungsprojekten traten zahlreiche Investoren auf, die Shoppingcenter realisieren wollten – und sollten. In den 70er-Jahren waren regelmäßig geplante Einkaufscenter Thema in der gesamten Tagespresse der Region. Neben offenen oder in sich geschlossenen Centern, die städtebauliche Erweiterungen darstellen, gesellten sich ebenfalls Bauten, die Handelsflächen in Kombination mit Wohnbebauung oder anderen Nutzungsmöglichkeiten vorsehen.

Die erste Hochphase der Center-Manie in der Region:
1971: Bero-Zentrum Oberhausen
1972: Rhein-Center Köln
1972: Hotel/Mall-Hybrid Sauerland Center Lüdenscheid
1973: Allee-Center Essen
1973: Uni-Center Bochum
1973: City Center Herne
1973: Rhein-Ruhr Zentrum Mülheim
1974: City-Center Mühlheim
1974: Marler Stern
1974: City Center Bergkamen
1975: Löhrhof-Center Recklinghausen
1975: Westfalen-EKZ Dortmund

 

Das Ruhrgebiet mauserte sich durch die Center-Bauten der zweiten Generation zu einem Ballungsgebiet für die neuen Handelsflächen und ihre Ausläufer. Zwischen 1970 und 1980 wurden in der BRD 50 neue Shoppingcenter eröffnet - zehn davon im Ruhrgebiet. Das geht aus Studien hervor, die sich schon früh mit dem Phänomen Shoppingcenter beschäftigen. 

Viele der cityintegrierten Shoppingmalls im Ruhrgebiet in dieser Ära waren dadurch gekennzeichnet, dass bekannte Warenhäuser wie Quelle, Kaufhof, Hertie oder Karstadt integriert werden (beispielsweise im City-Center Lüdenscheid oder Bergischer Hof Gummersbach). Die großen Namen, die als Anker- oder Magnetmieter bezeichnet werden, wurden überwiegend so in die Center-Architektur eingefasst, dass sie an zentralen Ein- und Ausgangspunkten der Shopping Malls positioniert waren und durch die schiere Größe ihrer Verkaufsflächen Kunden ziehen sollten.

Wege waren für Kunden klar vorgegeben

Der Weg für die Kunden war dabei vorab skizziert, man spricht von einem Hundeknochenprinzip: Wer von einem Warenhaus zum nächsten wollte, wurde an vielen kleineren Filialisten und lokalen Mietern des Centers vorbeigeführt. Die Wege waren nicht ausgelegt, dass die Kunden das Center zwischendurch verlassen oder überhaupt Notiz vom Einzelhandel außerhalb des Centers nahmen. „Daran so lange Zeit festzuhalten, war der größte Fehler, den die Architekten der frühen Malls begangen haben. Das Leben außerhalb des Centers komplett abzuschirmen, kam dem Versuch gleich, den Kunden gefangen halten zu wollen“, sagt Lena Knopf vom EHI Retail Institute.

Im Zuge des Shoppingcenter-Booms der zweiten Generation erlebte auch der Bautyp der Einkaufspassage des 19. Jahrhunderts eine Renaissance in Form von Center-Hybriden. Ab 1973 nahm die Ära der neuen Glaspassagen Fahrt auf. Ein Beispiel für diesen Bautyp ist die Passage am Wulfener Markt in Dorsten. Diese Passagen boten im Gegensatz zu den tiefen und abgehangenen Decken der gängigen Center-Ladenstraßen hohe Deckenkonstruktionen aus Glas- und Stahlbauteilen.

Teuerste Mall ihrer Zeit brachte Wendepunkt der Center-Hysterie

Den entscheidenden Wendepunkt der Shoppingcenter-Hysterie der 70er-Jahre markierte in der Architekturgeschichte der Handelsimmobilien ein Großbauprojekt im Münchner Stadtteil Schwabing. Hier entsteht "Schwabylon", die größte und teuerste Mall ihrer Zeit.

 

Für 160 Millionen D-Mark ließ der Landmaschinenhändler Otto Schnitzenbaumer das ultimative Mahnmal des Center-Wahns errichten. 96 Läden, 12 Restaurants, mehrere Kinos, Spielhallen, Sportanlagen, Saunen, Schwimmbäder, eine Eisbahn und Diskotheken beheimatete die riesige fensterlose Pyramide. Den Gipfel der Dekadenz des Baus stellte der dreistöckige Nachtclub "Yellow Submarine dar, um dessen Zentrum ein 600.000 Liter fassender Wassertank gebaut wurde, in dem 36 Haie schwammen.

1973 eröffnet, zogen die letzten vier Mieter des Schwabylon bereits 1974 aus. 1979 wurde das Millionengrab abgerissen.

Center werden wieder kleiner gebaut   

Mit der dritten Generation der Centerbauten in Deutschland (1980-1992) entstanden fast ausschließlich kleinere Malls in stadtzentralen Lagen. 1986 griff der Düsseldorfer Star-Architekt Walter Brune den Bautyp der neuen Glaspassage erneut auf, um die großen lichtdurchfluteten Shoppingcenter zu entwerfen, wie sie heute noch zu finden sind: die Stadtgalerien. Zu diesem Bautyp gehört zum Beispiel die Thier-Galerie in Dortmund, das Stern-Center Lüdenscheid, die Rathaus-Galerie Hagen oder das Centro Oberhausen. 

Mit der Wiedervereinigung feierte der Center-Boom seinen letzten großen Höhepunkt. Bis 2002 erlebten die neuen Bundesländer ein absolutes Hoch an Neuansiedlungen durch große Center-Betreiber.

In der siebten Generation (ab 2010) der Malls in Deutschland entwickelten sich die Center wieder weg vom reinen Ballungsraum von Gewerbeflächen und hin zu Häusern, die zugleich Unterhaltungsangebote und gastronomische Eckpfeiler gleichberechtigt neben den Handel positionieren.

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