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Referee aus Castrop-Rauxel: Schiedsrichterin Westerhoff: "Gegen Video-Beweis“

CASTROP-RAUXELMit Bibiana Steinhaus wird zum ersten Mal eine Frau im Fußball Bundesligaspiele der Männer leiten. Zudem gibt es den neuen Video-Beweis. Vor dem Saisonstart haben wir mit Nadine Westerhoff, DFB-Schiedsrichterin aus Castrop-Rauxel, gesprochen - über hochkochende Emotionen, das Irren des Schiris und zerstückelte Spieltage.

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  • Schiedsrichterin Westerhoff: "Gegen Video-Beweis“
    Nadine Westerhoff zum Video-Entscheid: „Es tötet jede Stimmung, wenn man 40 Sekunden warten muss, ehe man weiß, ob man jubeln darf.“ Foto: FLVW-Kreis Herne / David Hennig

Frau Westerhoff, in acht Tagen beginnt im deutschen Fußball ein neues Kapitel: Mit Bibiana Steinhaus wird zum ersten Mal eine Frau Bundesligaspiele der Männer leiten. Ist das etwas Besonderes?
Ja. Aber man darf das Thema nicht zu sehr hypen. Wir haben eine Bundeskanzlerin, und Frauen sitzen in Vorständen von Dax-Konzernen. Warum sollen sie keine Bundesligaspiele der Männer pfeifen? Ich möchte allerdings nicht in der Haut von Bibiana Steinhaus stecken, denn die Medien werden dem Ereignis eine enorme Aufmerksamkeit widmen. Wehe, wenn sie Fehler macht!

Aus der Frauen-Bundesliga und von verschiedenen Schiedsrichter-Lehrgängen kennen Sie Frau Steinhaus persönlich …
... und von daher weiß ich, dass sie eine ebenso gute Leistung bringen wird wie die männlichen Kollegen. Wenn eine es verdient hat, dann ist sie es.

Sie selbst leiten als Schiedsrichterin im Männerbereich Spiele der Oberliga Westfalen, in der Regionalliga West kommen Sie als Assistentin zum Einsatz. Welche Erfahrungen haben Sie mit den Männern?
Bislang nur positive. Natürlich gibt es dumme Sprüche wie ,Geh in die Küche!‘ oder so was. Beleidigungen, die unter die Gürtellinie gehen, habe ich nicht erlebt. Aber ich kenne Schiedsrichterinnen, die das über sich ergehen lassen mussten.

Sind Männer aggressiver als Frauen?
Nein. Ich finde, dass Frauen schwieriger zu pfeifen sind. Männer kugeln sich fünfmal und haben dann Gott weiß was für Verletzungen. Wenn Frauen gefoult werden, stehen sie sofort wieder auf und putzen sich den Mund ab.

Absolvieren Schiedsrichter während der Ausbildung ein Deeskalationstraining?
Nicht direkt. Aber wir bieten im Kreis Herne regelmäßig Lehrgänge an mit Rollenspielen, in denen der Umgang mit aggressiven Spielern geübt wird. Es gibt kein Patentrezept, eine Konfliktsituation zu entschärfen. Schiedsrichter haben ganz unterschiedliche Persönlichkeiten. Der eine ist eher strenge Autorität, der andere eher Kumpel. Als einen solchen sehe ich mich auch. Ich kann mich gut in die Spieler hineinversetzen, denn ich habe als Spielerin auch einige Karten wegen Meckerns gekriegt.

Im DFB-Pokal gab es 2014 eine unvergessliche Szene, als ein wütender Pep Guardiola der 4. Offiziellen Bibiana Steinhaus plötzlich den Arm um die Schulter legte. Ist das typisch männliches Verhalten, Frauen anzufassen und keine Distanz zu wahren?
Ich bin noch nie angefasst worden. Und wir Schiedsrichter kriegen vom ersten Moment an eingebläut, dass wir das bei Spielern auch nicht machen sollen. Aber es ist schwierig, sich immer daran zu halten. Meine Erfahrung ist: Wenn ich jemandem sage ‚Reg dich ab!‘, dann wirkt es beruhigender, wenn ich ihn mit der Hand auf der Schulter oder am Arm berühre. Vielleicht liegt es daran, dass ich eine Frau bin. Ich weiß nicht, ob Frauen die besseren Schiedsrichter sind. Jedenfalls wirken wir in vielen Situationen beruhigender als ein Mann.

Siezen oder duzen Sie die Spieler?
Eigentlich soll der Schiedsrichter die Spieler siezen, um Respekt zu zeigen. Aber ich bin eher der Du-Typ. Ich komme halt aus dem Pott.

Streben Sie – wenn Sie nach Ihrer Babypause zurück auf dem Platz sein werden – als Schiedsrichterin ebenfalls Auftritte in der Männer-Bundesliga an?
Dafür bin ich zu alt. Mich persönlich reizt es auch nicht besonders, weil mir die öffentliche Präsenz eines Bundesliga-Schiedsrichters zu intensiv ist. Man macht sich keine Vorstellung davon, wie Schiedsrichter heutzutage öffentlich angegangen werden, vor allem in den sozialen Netzwerke. Wenn einem ein Fehler passiert, folgt unweigerlich der Shitstorm. Niemand pfeift absichtlich einen Elfer, der keiner war. Aber wir Schiedsrichter sind immer die Buhmänner.

Sie waren im April beim DFB-Pokalendspiel der Frauen vor 17.000 Zuschauern im Einsatz. Ist es psychologisch schwierig, Entscheidungen gegen große Menschenmengen zu fällen?
Man blendet die Menschenmenge aus. Wir tragen in der Bundesliga ein Headset, Schiedsrichterin und Assistentinnen reden miteinander. Wenn Sie einen Stöpsel im Ohr haben, kriegen Sie nicht mehr allzu viel vom Stadionlärm mit.

In der neuen Saison werden alle Bundesliga-Spiele von zusätzlichen Video-Schiedsrichtern, die in TV-Studios in Köln sitzen, auf Fehlentscheidungen untersucht. Wie finden Sie das?
Gar nicht gut. Ich habe immer gesagt: Wenn in der Liga, in der ich pfeife, der Videobeweis eingeführt wird, dann höre ich auf! Der Schiedsrichter hat die Entscheidungsgewalt. Der Schiedsrichter ist ein Mensch, und Irren ist menschlich.

Der menschliche Faktor, der macht doch den Reiz des Spiels aus. Das Prinzip der Tatsachenentscheidung tut dem Fußball gut. Tor ist Tor. Es tötet jede Stimmung, wenn man 40 Sekunden warten muss, ehe man weiß, ob man jubeln darf.

Wird Ihre Aufgabe durch den Videoassistenten erleichtert?
Der Confed-Cup in Russland und auch der Supercup vergangenen Samstag in Dortmund haben gezeigt, dass das nicht der Fall ist. Ich bezweifle, dass der Videobeweis schon so ausgereift ist, wie er sein sollte. Der Videobeweis wurde eingeführt, um Diskussionen zu vermeiden. Derzeit erleben wir das genaue Gegenteil!

Wie viel Fair Play darf man im „Bundesliga-Business“ verlangen? Eine „Schwalbe“ zum Beispiel gibt es doch nicht erst seit Timo Werner.
Schwierige Frage. Einerseits sollte jeder Sportler auf sein Gewissen hören und fair sein. Andererseits verdienen die Spieler ihr Geld damit, dass sie gewinnen. Foul oder Schwalbe? Ecke oder Abstoß? Ich selbst habe schon mehrfach die Beteiligten gefragt, um eine strittige Situation zu klären. Ich hatte das Glück, dass die Wahrheit gesagt wurde. Für den Spieler ist es aber vielleicht schlecht, die Wahrheit zu sagen. Hinterher macht ihn der Trainer deswegen zur Minna.

Tragen Trainer wie Jürgen Klopp und Roger Schmidt durch ihr Verhalten dazu bei, die Autorität der Schiedsrichter zu untergraben?
Nee, finde ich nicht. Das sind einfach Typen, die man so nehmen muss, wie sie sind. Die benehmen sich auch nicht daneben, um den Schiedsrichter zu ärgern. In extremen Momenten spielen Adrenalin und Testosteron eine große Rolle.

Aber sowohl Klopp als auch Schmidt sind als schlechte Vorbilder kritisiert und für die Verrohung der Sitten im Amateurfußball mitverantwortlich gemacht worden…
Sicher sind Trainer Vorbilder, und Vorbilder sollten sich vorbildlich verhalten. Die Verrohung im Amateurfußball hat aber gesellschaftliche Ursachen. Das Problem wird immer schlimmer. Kein Wochenende ohne aggressive Zwischenfälle: Inzwischen werden schon bei Spielen der D-Jugend Schiedsrichter von zuschauenden Eltern bedroht. Diese Leute sollten sich einmal mit dem Gedanken vertraut machen, dass es irgendwann mal keine Schiedsrichter mehr gibt. Es ist unheimlich schwierig, in den unteren Klassen zu pfeifen. Und ich kann die Kollegen verstehen, wenn sie keine Lust mehr haben.

Viele Fußballfreunde haben das Gefühl, dass sich der Profifußball von der Basis entfremdet. Es geht nur noch um Geld. Können Sie verstehen, wenn sich Leute von der Bundesliga abwenden?
Geld regiert die Welt, nicht nur die Bundesliga. Eine normale Familie kann sich den regelmäßigen Stadionbesuch nicht mehr leisten. Das ist traurig, aber wahr. Beim Fußball im Fernsehen wird man auch immer mehr abgezockt. Die Spieltermine von Freitag bis Montag machen den Amateurfußball kaputt. Da darf man sich nicht wundern, wenn sich die Fans – wie beim Zweitliga-Auftakt in Bochum – zusammentun und ihren Unmut rauslassen.

Zur Person
Nadine Westerhoff wurde am 8. Februar 1983 als Nadine Matthes in Castrop-Rauxel geboren. Sie hat bei Arminia Ickern und Blau-Gelb Schwerin Fußball gespielt („Ich war hinten die Nummer 4“).
2006 bestand Westerhoff die Prüfung als Unparteiische. Seit 2012 ist sie DFB-Schiedsrichterin, seit 2014 leitet sie Spiele der Frauen-Bundesliga. Westerhoff pfeift für den FC Frohlinde.
Die Reiseverkehrskauffrau ist seit 2014 mit Sebastian Westerhoff verheiratet. Der hat in der Jugend von Schalke und in der U17-Nationalelf gespielt. Zuletzt war er für TSV Marl-Hüls aktiv. Aktuell ist er Co-Trainer von DSC Wanne-Eickel.
Die Eheleute leben in Bochum, sind Fans des VfL und bekommen im Dezember eine Tochter.

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