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Illegale Autorennen: Wall-Raser rauben Anwohnern den Schlaf

DORTMUNDDie Polizei versucht schon lange gegen die Raser-Szene in der Innenstadt vorzugehen und verhängt hohe Strafen. Aber Geld spielt für viele keine Rolle - genauso wenig, wie die Risiken denen sie sich und andere aussetzen. Und es gibt ein weiteres Problem: Die Autorennen rauben den Anwohnern in der City den Schlaf.

Wall-Raser rauben Anwohnern den Schlaf
Die Kreuzung Wall/Hohe Straße. Hier sind die Raser regelmäßig unterwegs. Archivfoto: Dieter Menne

Die Poststraße im Zentrum der Stadt ist 345 Meter lang. Sie verbindet die Hohe Straße mit dem Johannes-Hospital. Bis zum Hohen Wall sind es 70 Meter Luftlinie. Die Mehrfamilienhäuser ragen zwischen der Deutschen Bundesbank und dem Krankenhaus hervor.

In einer der oberen Etagen wohnt Werner Senger, der hier, in der Innenstadt, für Einkäufe oder Arztbesuche keine langen Wege zurücklegen muss. Seit 42 Jahren schätzt der 63-Jährige die City mit ihren vielen Vorteilen. Seit vier Jahren hat er einen direkten Anschluss auch an den Nürburgring. Denn die Akustik in seinem Schlafzimmer gleicht der einer Rennstrecke. „Schlaf? An Schlaf ist nicht zu denken. Der Lärm ist so groß, da drückt man nachts kein Auge mehr zu."

Der Lärm der Raserszene dringt nicht nur an Wochenenden in sein Gemach vor: „Die sind auch unter der Woche unterwegs. Ab ein Uhr nachts geht es so richtig los.“ Werner Senger fordert ein Durchgreifen gegen die Szene: „Am besten sofort den Führerschein weg.“

Höhere Miete trotz Lärmproblem

Frau G. – ihren vollen Namen möchte sie nicht veröffentlichen – wohnt direkt am Hohen Wall. Ironie des Schicksals: Wegen der bevorzugten Innenstadt-Lage hat sie eine Mieterhöhung bekommen und soll jetzt 58 Euro pro Monat draufzahlen. Weil auch in ihrer Wohnung bei geöffnetem Fenster an Schlaf nicht zu denken ist, hat der Vermieter ihr für die Luftzufuhr einen Ventilator geschenkt.

So hört sich das Raser-Problem auf dem Wall mit ihren Worten an: „Man kann die Uhr danach stellen, wenn es losgeht: Erst die Kavalierstarts an den Ampeln und dann bei voller Fahrt noch mal so richtig aufdrehen, obwohl sie Sekunden später am Grafenhof vor der roten Ampel stehen. Ich bin nicht mehr bereit, das so hinzunehmen“, sagte die 73-Jährige in dieser Woche.

Das Raser-Netz breitet sich aus

Das Lärmproblem und Unfallrisiko der Raser kennt auch Michael Harder genau. Der Erste Polizeihauptkommissar muss als Leiter des Verkehrsdienstes inzwischen auf viele Beschwerde-Briefe von Innenstadt-Anwohnern reagieren – die nicht nur am Wall oder in Wall-Nähe wohnen, sondern auch in den Einflugschneisen. Ob Bornstraße, Hamburger Straße, Heiliger Weg oder Märkische Straße: Wie eine Spinne breitet die Raserszene ihr Netz über die Innenstadt aus.

2016 stoppte die Polizei im City-Bereich fast 1000 Raser. Wo nur Tempo 50 erlaubt ist, sind sie auch mit Tempo 125 unterwegs.

Die jungen Männer sind nicht nur zu schnell unterwegs, sondern steuern auch illegal aufgemotzte Autos über die Straßen. Das Ziel: mehr PS, mehr Tempo, mehr Lärm und mehr Risiko. „Ich würde mich gerne in die hineindenken können“, sagt Michael Harder über die rasenden „Kunden“ der Polizei, aber das gelingt ihm nicht.

"Geld spielt keine Rolle"

Denn die aus dem Verkehr gezogenen Fahrer zeigten in den meisten Fällen keine Einsicht. „Sie zahlen bereitwillig oder gehen zu einem Anwalt und sagen uns: Das klären wir vor Gericht“, berichtet er von den Gesprächen auf dem Asphalt und ergänzt: „Über die Risiken für sie selbst, Beifahrer, andere Autofahrer und Fußgänger wollen die mit uns nicht reden. Solche Gespräche blocken sie ab.“

Selbst hohe Geldbeträge beeindrucken in der Szene nicht mehr. Ein Beispiel: Erkennt die Polizei technische Mängel und illegale Veränderungen, lässt sie den PKW sofort abschleppen und am nächsten Werktag von einem Gutachter untersuchen. Da kommen schnell rund 1000 Euro zusammen. „Geld spielt keine Rolle“, hören die Polizisten immer wieder.

Michael Harder überrascht das nicht. Auf den Verleih von stark motorisierten Autos spezialisierte Leasingfirmen überlassen ihren Kunden einen 500-PS-Boliden für rund 1000 Euro am Wochenende. Die Insassen teilen sich die Kosten und lassen auf den drei Wall-Spuren der Innenstadt die Sau raus. „Wir haben schon einen Fahranfänger, der gerade mal eine Woche seinen Führerschein hatte, mit Tempo 100 erwischt“, sagt der Erste Polizeihauptkommissar. Der 18-Jährige saß am Steuer eines solchen Autos.

Von Ampel zu Ampel oder die grüne Welle erwischen

2016 konnte die Polizei zehn Fahrern die Teilnahme an einem Rennen nachweisen. Die Folgen: Fahrverbote, jeweils 400 Euro Bußgeld und zwei Punkte in der Verkehrssünderkartei. Das sind in Kauf genommene Konsequenzen aus Rennen, deren Reiz in zwei Varianten liegt:

  • Das Rennen von Ampel zu Ampel auch auf nur 400 Metern: Starkes Beschleunigen und das Abbremsen in letzter Sekunde vor der nächsten roten Ampel – der Erste an der Ampel ist der Sieger.
  • Das Rennen einmal rund um den Wall, um rasend schnell eine grüne Welle zu erfahren. Langsamere Autos müssen mit schnellen Spurwechseln überholt werden.

Die damit verbundenen Risiken sind für die Raser nicht mehr beherrschbar. Ein außer Kontrolle geratener PKW entwickelt Fliehkräfte, die von Menschenhand nicht mehr zu stoppen sind. Einen Unfall mit Todesopfern hat es in jüngster Zeit noch nicht gegeben.

Obwohl die Polizei Woche für Woche kontrolliert, kann Michael Harder „keine 100-prozentige Sicherheit“ bieten. Seinen Kolleginnen und Kollegen sagt er: „Jeder, den wir anhalten und den wir nach Hause schicken, ist für uns ein Gewinn. Bei einem tödlichen Unfall hätten wir uns etwas vorzuwerfen, wenn wir nichts unternommen hätten.“

Die Boxengasse
  • Die Stadt Dortmund nimmt ebenfalls an Kontrollen teil und geht in den „Boxengassen“ am Ostwall und am Schwanenwall gegen Falschparker, Lärm und Müll vor. Zeitweise sperrt die Stadt die Boxengassen und stellt Halteverbotsschilder auf.
  • Pro Jahr ordnet die Stadt bis zu 800 Medizinisch-Psychologische Untersuchungen (MPU) für Autofahrer an. Tendenz steigend bei Drogenfahrten.
  • Anfang der 1990er-Jahre versuchte eine Raserszene, sich auf dem Ostwall zu etablieren. Die Polizei sperrte Spuren ab, um Rennen zu verhindern.
  • 2016 erkannte die Polizei bei Rasern und Tunern 177 technische Mängel. 46 Fahrer missachteten rote Ampeln. 34 nutzten während der Fahrt ein Telefon.

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Kommentare
  • Bitte ...
    von weststadt am 19.03.2017 10:24 Uhr

    ... kann mir ein Mensch erklären, wieso keine stationären Fallen rund um den Ring aufgestellt werden können? Was bitte spricht dagegen? Ich verstehe es nicht!

  • Fortsetzung
    von metzelkater am 19.03.2017 02:54 Uhr

    Ebenfalls hilfreich währen regelmäßige Nächtliche Aktion, etwa die gut besuchten Parkplätze spontan mit Zivilfahrzeugen absperren und dann weitere Kräfte hinzu ziehen, um alle Autos ausgiebig überprüfen und beim kleinsten Verstoß sofort einziehen.
    Allerdings wird man der Szene erst Herr werden, wenn insgesamt die Gesetze verschärft werden, die Fahrzeuge sollten grundsätzlich eingezogen werden können, auch bei illegalen Umbauten oder hohen Geschwindigkeitsübertretungen, wie es in der Schweiz der Fall ist.

  • Das Problem besteht seit über 15 Jahren
    von metzelkater am 19.03.2017 02:48 Uhr

    Ich habe selber bis 2014 direkt am Wall gewohnt und die Szene live miterlebt. Es ist schön zu lesen, das man inzwischen auch gegen die "Boxengasse" genannten Parkplätze beidseitig des Walls vorgeht, die nicht nur der Vorbereitung der Rennen, sondern auch als beliebte Treffpunkte für geselliges Beisammensein darstellen, verbunden mit ständig lautstark eintreffenden und abfahrenden Fahrzeugen und diversen mobilen Discos, die zusätzlichen Lärm verbreiten.
    Ich schlafe grundsätzlich bei geschlossenem Fenster und mit Ohrenschutz, dennoch wurde ich von diesen Leuten immer wieder aus dem Schlaf gerissen. Zum Glück wohne ich nun weit weg von dieser illegalen Rennpiste.
    Der Staat könnte sicher noch mehr dagegen unternehmen. Beispielsweise die flächendeckende Installation von Blitzern rund um den Wall und entlang anderer beliebter Rennpisten. Auch eine nächtliche Reduzierung der Höchstgeschwindigkeit auf betroffenen Straßen auf 30 km/h könnte helfen, höhere Sanktionen für Raser zu verhängen.

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