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Zu Besuch bei einem Kaninchenzüchter: So wie sie leben, schmecken sie auch

DORSTFELDKeine Geschichte vom Osterhasen: Seit über 60 Jahren züchtet Peter Siebert in Dorstfeld Kaninchen. Für ihn ist es das perfekte Hobby. Und ab und zu wirft es auch noch einen Sonntagsbraten ab. Ein Treffen in einem der letzten Dortmunder Kaninchenzüchter-Ställe.

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  • So wie sie leben, schmecken sie auch
    Peter Siebert kann nach 14 Tagen fühlen, ob ein Kaninchen-Weibchen trächtig ist. Er züchtet seit über 60 Jahren Kaninchen. Foto: Tobias Großekemper

Hobbymäßig hat Peter Siebert, der laut Pass 71 Jahre alt ist, aber im Auftritt und Beweglichkeit an einen frischen 60-Jährigen erinnert, seinen eigenen Pfad der Glückseligkeit im Alter von zehn Jahren gefunden und ist ihm seitdem treu geblieben. „Das ist“, sagt er irgendwann im Gespräch, „einfach das beste Hobby, das man erreichen kann.“ Wenn Siebert abends in seinen Stall geht, die Tiere nach vorne kommen, er ihnen zusieht, wie sie sich bewegen, dazu dann ein Fläschchen Bier für den Kaninchenvater, „das ist Entspannung. Pure Entspannung.“

Siebert ist seiner Liebe zu Kaninchen über all die Jahre treu geblieben, er hat, wenn man so will, nur irgendwann den Partner gewechselt. Schwarzloh hieß die erste Art, 40 Jahre haben sie zusammengehalten und wer Siebert in seinem Zechenhaus in Dorstfeld zuhört, hört heraus, wie da immer noch Zuneigung zu dieser Rasse in seiner Stimme mitschwingt.

Fell und Körperbau, das sind grundsätzlich wichtige Kriterien, beim Schwarzloh ist weiter zu achten auf die Kinnbacken- und die Naseneinfassung, darüber hinaus auf die hübschen Augenringe, die nicht aus faltiger Haut, sondern lediglich aus einer hübschen Fellfarbe bestehen. Und das Fell im Nacken der dunklen Tiere hat heller zu sein, wobei auch die Form dieses Farbkleckses wichtig ist. Löffelförmig sollte er sein. Das Problem beim Schwarzloh ist, sagt Siebert, dass bei der Rasse einerseits zu viel Inzucht dabei war und andererseits die Häsinnen sich teilweise sehr schlecht decken lassen.

Bei den Blausilbernen ist die Inzucht kein Problem

Aber das ist Vergangenheit, Blausilber heißt die aktuell gut 30-fache Gegenwart, die hinter dem Siebertschen Haus im Stall herumhoppelt. Inzucht gibt es da nicht, das Decken klappt problemlos und eigentlich fand Siebert die Blausilbernen schon immer schön. Sie waren früher halt nur schwer zu bekommen. 1998 dann hatte er welche und jetzt begeistert er sich eben für die Silberung der Tiere, die gleichmäßig vom Kopf bis zur Blume zu verlaufen hat, wobei das Problem hier ist, dass die Haare im Kopfbereich etwas kürzer sind und dadurch dunkler wirken, denn das Silbrige, das rührt daher, dass die Fellspitzen nach wenigen Wochen oder Monaten weiß-silbern werden.

Die Jungtiere sind blaugrau und so setzt sich ihr Name zusammen. Weiter, nur der Vollständigkeit halber: Wenn ein Blausilber steht, muss er eine Bodenfreiheit zwischen Vorderbeinen und Brustkorb haben, durch die man hindurchgucken kann. Und das Ohr sollte abgerundet und nicht faltig sein, denn diese Rasse neigt „zum faltigen Ohr“.

Schönheit statt Moral

Erst kommt das Fressen, dann die Moral, wusste Bertold Brecht. Aber Brecht hatte vermutlich keine Kaninchen, denn dann hätte er anstelle der Moral die Schönheit eingefügt. Siebert formuliert es so: „Schönheit ist wichtig. Aber das Essen ist wichtiger.“ Schweigt kurz und fügt dann an: „Bei mir hat kein Kaninchen einen Namen.“

Das wäre gleich aus zwei Gründen unpraktisch: erstens nummerisch. Es wären Siebert im Laufe der Jahre wahrscheinlich die Namen ausgegangen. Der Mann, der aus Ostpreußen im Alter von fünf Jahren nach Dortmund kam, hat als Junge angefangen zu züchten. Zu den besten Zeiten hatte er bis zu 80 Tiere, heute sind es ein paar mehr als 30.

 

Eine von Sieberts Kaninchenfamilien.

Vier von Sieberts mehr als 30 Kaninchen. Foto: Tobias Großekemper

 

Eine gute Häsin wirft nach 31 Tagen, und nach weiteren 29 Tagen kann man sie wieder decken lassen. Siebert lässt sie zwar lieber etwas länger pausieren, das kommt den Tieren zugute, sagt er. Aber wenn man überschlägt, wie viele Kaninchen Siebert so in seinem Stall gesehen hat, dann ist man schnell bei Tausenden.

Zweitens ist da die Sache mit der Schlachtung, denn ein Kaninchen ist nichts für die Ewigkeit: Ein Tier lässt sich vermutlich leichter töten, wenn es einfach ein Tier ist und nicht Horst heißt. Oder Paul. Oder so. Die Schlachtung beginnt damit, das ruhige Tier an den Ohren zu fassen, das Bolzenschussgerät an der Stirn anzusetzen, um dann den Kehlschnitt folgen zu lassen. Dann wird dem Kaninchen das Fell über die Ohren gezogen. All das macht Siebert im Keller und nie im Stall, denn was würde in den anderen Tieren vorgehen, wenn sie das sehen, hören und riechen würden?

Der Kreislauf eines Nutztiers

All das hört sich archaisch an und ist doch nur der Kreislauf eines Nutztieres, von dem sich das moderne Leben entfernt hat und dessen Endprodukt, das Fleisch, vakuumiert im Supermarkt auf den Kunden wartet, der seinerseits den Genuss zwar schätzt, ansonsten den Tod aber outgesourct hat. „Hier weiß ich, was ich bekomme“, sagt Siebert. Der auch weiß, wie er ein Kaninchen, das von Natur aus ein trockenes, weil mageres Fleisch mitbringt, zuzubereiten hat, damit es auf dem Teller so schmeckt, wie es gelebt hat: gut.

Die Bauchlappen sind das Beste, was man bekommen kann, Siebert isst sie gerne direkt aus der Pfanne, und seine vier Kinder, ein Sohn und drei Töchter, haben es zeit ihres Lebens und von Anfang an vermittelt bekommen: Ein Nutztier ist ein Tier, das Nutzen bringt.

Wo früher die Ställe waren, sind heute Badezimmer

Es ist eine nette Laune des Schicksals, dass der Kaninchenvater Siebert seit 1975 dort wohnt, wo er wohnt: in einer wunderbaren kleinen Dorstfelder Bergbau-Siedlung, die unter „Denkmalschutz mit Kleintierhaltung“ steht, deren Ställe hinter dem Haus also optisch zu bewahren sind. Dort, wo früher die Bergleute ihre Kleintiere hatten, haben heute fast alle ein Badezimmer eingebaut. Auch bei Sieberts ist das so, die richtige Stallung steht im Garten. Doch außer dem „Denkmalschutz mit Kleintierhaltung“ ist hier nicht mehr viel mit Kleingetier.

Tauben zum Beispiel, „als die früher hier ihre Tauben fliegen ließen, da war der Himmel schwarz“. Heute gibt es nur noch einen, der Tauben hält. Mit den Kaninchen ist es nicht anders. Als die Tiere noch das waren, was sie in Sieberts Welt immer noch sind, ein Teil der Nahrungsbeschaffung, da gab es in Dortmund zwei Vereinsverbände: Hörde und Dortmund. Sie wurden dann zusammengelegt, das war aber erst der Beginn des Anfangs vom Ende. Bis 2006 etwa gab es in Dortmund 36 Kaninchenzüchtervereine, „dann ist es rapide bergab gegangen. Die Alten begannen wegzusterben und der Nachwuchs kam nicht.“

"Die meisten jungen Leute gehen lieber in die Muckibude"

Siebert jammert da nicht groß herum, er stellt das schlicht fest. Woran das liegt, dass die Jungen wegbleiben? Da ist auf der einen Seite die regelmäßige Hege und Pflege, die Zeit und Mühe braucht. Dann ist da andererseits der Platz, den es braucht. „Die meisten jungen Leute haben ja keinen Platz mehr und fahren lieber in den Urlaub oder in die Muckibude oder was sie sonst so gerne machen.“

Jedenfalls wurden aus 36 Vereinen im Jahr 2006 zuletzt drei Vereine, die noch aktiv sind und züchten. Sieberts Verein, W1, hat aktuell noch 34 Mitglieder, und man hält das nur so lange für viel, bis man hört, dass es W1 erst erst 2010 gegründet wurde und aus einer Fusion aus sieben anderen Vereinen entstand. Vorher war Siebert im W 152, der feierte noch sein Hundertjähriges und war dann weg.

Wer verschwand zuerst - die Kneipen oder die Vereine?

Verschwunden sind übrigens auch die ganzen Kneipen, in deren Sälen sich die Vereinsmitglieder trafen, um fachzusimpeln und zu schmausen. Wessen Verschwinden jetzt was ausgelöst hat, kann hier und heute nicht aufgelöst werden, aber W1 trifft sich inzwischen auf Zeche Zollern.

Es gibt aber noch mehr Feinde der Kaninchenzüchter als allein das Alter der Züchter, das Sterben der Kneipen oder die Unlust der Jungen. Zu nennen wäre zunächst RHD. Was für „Rabbit Haemorrhagic Disease“ steht und, so sagt es Siebert, früher auch „chinesische Krankheit“ genannt wurde, sie kam da wohl ursprünglich her.

 

Ein Kaninchen.

Bei der Rasse "Blausilber" sollte die Silberung der Tiere gleichmäßig vom Kopf bis zur Blume verlaufen. Foto: Tobias Großekemper

 

2016 zum Beispiel hat die RHD in Dortmund gewütet, fast 900 Tiere starben, weil der Impfstoff erst im August zur Verfügung stand. Ein Züchter in Berghofen habe innerhalb weniger Tage allein rund 80 Tiere verloren, ein anderer in Kirchlinde gut 60. „Wenn Sie RHD haben, dann gehen Sie in den Stall, alles wirkt normal, und wenn Sie eine Stunde später nachsehen, dann sind schon zwei oder drei Tiere tot.“

RHD scheint unter Kaninchenzüchtern heute das zu sein, was im Mittelalter die Pest in Europa war. Die, die es bekamen, starben wie die Fliegen. Siebert hatte Glück, er blieb von RHD bisher verschont.

Ein Marder macht keine Gefangenen, nur Tote

Nicht verschont blieb er indes vom Marder, ein weiterer natürlicher Feind des Kaninchenzüchters. Wenn so ein Marder im Stall ist, dann macht der keine Gefangenen, sondern nur Tote. Es gab vor ein paar Jahren in Dortmund und Umgebung die Geschichte vom Kaninchenripper, eine Art Phantom, das durch die Gegend schlich und Kleintiere meuchelte, indem er ihnen den Kopf abriss und merkwürdigerweise blutleer zurückließ.

Siebert ist der festen Überzeugung, dass dieser Kaninchenripper kein Mensch war, sondern schlicht Marder zuschlugen. Er hatte selber solche Tiere im Stall, den Kopf ab und kein Blut mehr, nirgends. „Das hatte der Marder getrunken.“ Heute ist der Stall mit einer stabilen Tür gesichert, die nachts abgeschlossen ist, denn „der Marder schlägt nachts zu“.

Der Ursprung der Kaninchenzucht liegt in England

Wer Kleintierzüchter für spießige Menschen hält, die nicht über den Tellerrand schauen, hat sich noch nicht mit der Geschichte der Zucht, in diesem Fall der Kaninchenzucht, beschäftigt. Ihr Ursprung liegt in England, dann kamen Frankreich und Holland dazu, dann Deutschland. In Holland mag man kleine Rassen, in Deutschland „wurden die Rassen dann verfeinert“, sagt Siebert. Woran das jetzt liegt, kann er selber nur mutmaßen. Mag sein, dass es hier im Naturell liegt, etwas eingeordnet, bewertet und beurkundet zu bekommen.

Am Anfang jedenfalls standen die „Volksrassen“, die man auch „Wirtschaftsrassen“ nennen kann. Der Blauwiener etwa, oder der Großchinchilla, dessen Fell früher sehr begehrt war, da es dem des Chinchillas glich. Oder auch der helle Großsilber oder der Deutsche Riese, wobei diese Rassen gemein haben, dass sie ihre heutigen Namen im III. Reich erhielten. Davor hießen sie Französischsilber und Belgischer Riese. So fand in kleine und friedliche Ställe die große und schlechte Weltgeschichte ihren Weg.

Dieses Hobby kann den Tod überwinden

Und jetzt? Was wird sein, wenn Peter Siebert selber einmal Geschichte sein wird? War es das dann mit der Zeit, in der Menschen Teile ihrer Nahrung selber züchteten? Kann sein. Muss es aber nicht, findet Siebert. Dieses Hobby, was ja das Beste ist, das man erreichen kann, kann den Tod überwinden.

Neulich las er in der Zeitung eine Geschichte über Altersarmut, da lebt ein Mann mit seiner Frau von 13 Euro am Tag. Vielleicht besinnen sich die Leute, wenn es ihnen finanziell nicht gut geht, wieder darauf, wie sie selber Nahrung produzieren können. Von der Kaninchenzucht kann man nicht reich werden, aber ab und an ein Sonntagsbraten, das ist doch eine feine Sache.

Die Imker zum Beispiel, die machen es im Moment vor, da gebe es einen richtigen kleinen Aufschwung. Mit Bienen hat es Siebert nicht so, aber in den 60 Jahren Kaninchenzucht hat er einen Erfahrungsschatz angesammelt, der enorm ist.

So kann er mit diesen großen Händen, die zu einem Bauarbeiter passen würden, nach 10 bis 14 Tagen erfühlen, ob eine „belegte Häsin“ trächtig ist. Wenn Siebert das so erzählt, möchte man ihn unter Denkmalschutz stellen.

Zusammen mit seiner „Siedlung mit Kleintierhaltung“.

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