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Serie: "Hundert und eine Erzählung": Das Schicksal der schönen Hexe aus Lünen

LÜNENInsgesamt zehn Jahre lang haben Fredy Niklowitz, Dr. Widar Lehnemann und Wilfrieß Heß an ihrem Buch "Hundert und eine Erzählung" gearbeitet. Weil die erste Auflage schon vergriffen ist, stellen wir Ihnen hier die spannendsten Sagen und Legenden aus in einer Serie vor. In dieser Folge geht es um eine schöne Hexe.

Das Schicksal der schönen Hexe aus Lünen
Der zeitgenössische Stich zeigt eine Hexenverbrennung im Jahre 1555. Knapp 100 Jahre später soll Stina Jute aus Lünen wegen Hexerei in Lüdinghausen verbrannt worden sein. Foto: dpa

Gegen Ende des Dreißigjährigen Krieges lebte in Lünen eine fromme und tugendhafte Jungfrau namens Stina Jute. Sie war die älteste Tochter eines armen Leinewebers. Wegen ihrer außergewöhnlichen Schönheit wurde sie viel umschwärmt und viel beneidet. Mit rührender Liebe ersetzte sie ihren kleinen Geschwistern die früh verstorbene Mutter.

Als Weblohn brachte sie regelmäßig ein Brot und ein Stück Butter, Käse oder Speck mit nach Hause. Sie wusste es auch so einzurichten, dass sie die gewebte Leinwand gerade zur Melkzeit ablieferte. Während sie dann mit der neugierigen Bäuerin fröhlich plauderte, streichelte sie die Kuh und wehrte ihr die lästigen Fliegen ab. Hinterher gab ihr die gutmütige Frau gewöhnlich einen vollen Krug fetter Milch für die kleinen Geschwister mit.

Nun trug es sich zu, dass auf einmal ein großes Viehsterben einsetzte. Die wenigen Kühe, welche die plündernden Kriegsknechte nicht geraubt hatten, fielen nach und nach einer unbekannten Seuche zum Opfer. Es war kein Bauer in Lünen und in der ganzen Umgegend, dessen Stall verschont blieb.

Gerüchte verbreiteten sich wie ein Lauffeuer

Nun wusste Stina Jute nicht mehr, bei wem sie etwas Milch für ihre hungrigen Geschwister auftreiben sollte. Wohin sie jetzt kam, überall wurde sie mit barschen Worten und feindlichen Blicken abgewiesen. Sie konnte sich das gar nicht erklären. Das harmlose Mädchen ahnte ja nicht, was böse Zungen anzurichten vermögen.

Niemand wusste hinterher, wer das schlimme Gerücht aufgebracht hatte. Aber wie ein Lauffeuer raste es von Haus zu Haus, von Gasse zu Gasse, von Hof zu Hof, von Ort zu Ort. Zuerst war es nur ein heimliches Getuschel, bald wurde es zur frechen und lauten Anklage:
„Die Stina Jute ist eine Hexe, sie hat das Vieh vergiftet!“ – War sie nicht in jedem Haus, auf jedem Hof? Ist nicht immer die Kuh krepiert, die sie vorher gestreichelt hatte? Soll das der Dank dafür sein, dass ihr die gutmütige Bäuerin die fette Milch schenkte? Pfui über die garstige Hexe! Gewiss steht sie mit dem Teufel im Bunde, wie könnte sie sonst so schön sein? Und warum hat sie alle ehrlichen Freier abgewiesen? Doch nur, weil sie eine Buhlerin des Teufels ist!“

So wurde Stina Jute im Jahre 1649 vor dem Gaugericht in Lüdinghausen als Hexe angeklagt. Vergebens beteuerte sie ihre Unschuld, die Volkswut wollte ihr Opfer haben! – Nun waren in der damaligen Zeit zwei Mittel üblich, um eine Hexe zu überführen: Die Anwendung von Folterwerkzeugen und die so genannte Wasserprobe. Sie sollte ein Gottesurteil sein: Ging die Angeklagte im Wasser unter, so war damit ihre Unschuld bewiesen. Schwamm sie aber obenauf, dann galt sie als Hexe und war dem Feuertode verfallen!

Der grausame Hexen-Test

Am Abend des Gerichtstages zog eine riesige Volksmenge zum Stadttor hinaus. Der Kolk sollte befragt werden! – Zwei grimmige Gerichtsdiener zerrten die unglückliche Stina Jute vom Schinderkarren herunter. Nach altem Brauch banden sie ihr den Daumen der rechten Hand an die große Zehe des linken Fußes, ebenso den linken Daumen an die rechte große Zehe. Dann warfen sie das weinende Mädchen in den großen Kolk, wo er am tiefsten war. Das laute Geschrei der aufgeregten Volksmenge verstummte plötzlich. Alles hielt den Atem an und lauerte lüstern: Wird sie untergehen oder nicht?

Nur wenige Augenblicke dauerte die unheimliche Stille, dann gellte aus tausend Kehlen der wahnsinnige Schrei: „Sie schwimmt, die Hexe!“ Sofort stürzten nun einige Männer mit langen Feuerhaken herbei und zogen die Hexe ans Ufer, wo sie wie leblos liegen blieb. Währenddessen zündete der Henker den vorbereiteten Scheiterhaufen an. Die Gerichtsbüttel schleppten unter dem heiseren Geschrei der fanatischen Zuschauer das nasse Bündel Mensch herbei und warfen es auf den brennenden Holzstoß, der eine Zeitl ang rauchte und qualmte, dann aber hell aufloderte und langsam verbrannte.

An das unschuldige Opfer des damaligen Aberglaubens erinnert uns noch heute eine Tafel am Eisengeländer der Steverstraße in Lüdinghausen mit der Inschrift: Anno 1649 wurde hier am Hexenkolk Stina Jute aus Lünen als Hexe gerichtet und verbrannt.

(Tetekum 1947)

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