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Einjährige Enthaltsamkeit: Selmer kritisiert Blutspende-Regelung für Schwule

SELMMänner, die in ihrem Leben einmal mit einem anderen Mann geschlafen haben, durften bislang ihr Blut nicht spenden. Das soll sich nun ändern. Ein Jahr müssen Schwule und bisexuelle Männer dafür aber enthaltsam sein. „Das ist einfach nur diskriminierend“, sagt der Selmer Marvin Werner, der selbst betroffen ist.

Selmer kritisiert Blutspende-Regelung für Schwule
Von nun an dürfen auch homosexuelle und bisexuelle Männer Blut spenden, aber nur wenn sie ein Jahr lang enthaltsam gelebt haben. Foto: Bernd Wüstneck/dpa

Pauschal ausgeschlossen von der Blutspende sind Schwule und bisexuelle Männer durch die neue Regelung nicht mehr – doch die Voraussetzungen, die sie erfüllen müssen, sind hoch und werden schon jetzt viel diskutiert.

„Ich muss, wenn ich Menschen helfen will, auf das verzichten, was ein Heterosexueller darf“, sagt Marvin Werner (22) zur neuen Richtlinie, die die Bundesärztekammer und das Paul-Ehrlich-Institut entwickelt haben. Er selbst habe das Gefühl, es gebe eine Zwei-Klassen-Behandlung. 

„Faktisch noch immer ausgeschlossen“

Statistisch gesehen sei die Chance für Männer heutzutage noch immer höher, sich beim Geschlechtsverkehr mit einem Mann mit HIV anzustecken, als beim Verkehr mit einer Frau oder zwischen zwei Frauen, bestätigt Stephan Jorewitz, Pressesprecher des DRK-Blutspendezentrums Hagen, auf Anfrage unserer Redaktion.

„Durch die neue Regelung wollen wir nun trotzdem weitere mögliche Spender gewinnen“, so Jorewitz weiter. Ob Schwule nun aber tatsächlich zur Blutspende gehen, erscheint fraglich. „Das ist eigentlich nur Kosmetik“, sagt Manuel Izdebski von der Aidshilfe in Unna. Der allgemeine Ausschluss dieser Gruppe sei nun zwar aufgehoben, „faktisch sind Schwule aber trotzdem noch ausgeschlossen“, so der Fachmann. Dass wirklich jemand ein Jahr enthaltsam lebe, bloß um Blut spenden zu können, schließt er aus.

„Wenn sie mein Blut nicht wollen, dann eben nicht“, sagt Marvin Werner. Auch der 26-jährige Tanno Brückner würde gerne Blut spenden. Das habe er schon vor seinem ersten Sexualkontakt mit einem Mann getan. „Ich würde gerne wieder spenden können, aber nicht unter diesen Voraussetzungen.“

Restrisiko vorhanden

Trotzdem sieht Brückner das Thema möglichst differenziert, möchte sich als Schwuler nicht in die Opferrolle begeben. „Versetzen Sie sich doch einmal in die Lage der Person, die eine Blutspende braucht“, gibt er zu bedenken. Solange ein Restrisiko der Infektion vorhanden sein könnte, kann er nachvollziehen, dass Epidemiologen auf Nummer sicher gehen wollen.

Er merke selbst, wie verantwortungslos viele Leute aus seiner Generation seien. „Das macht mich sprachlos.“ Klar ist, dass eine HIV-Infektion nicht sofort nach dem Geschlechtsverkehr festzustellen ist. Mit den standardmäßigen Untersuchungen sei eine Infektion nach sechs Wochen feststellbar, so Manuel Izdebski.

Drei Monate Enthaltsamkeit

„Selbst wenn man auf Nummer sicher gehen will, ist eine einjährige Enthaltsamkeit nicht verständlich oder begründbar“, sagt Izdebski. Dafür würden aus seiner Sicht auch drei Monate ohne Geschlechtsverkehr genügen, ähnlich wie in England und Schottland.

Dann würden auch Werner und Brückner für die gute Tat vorübergehend auf ihr eigenes Vergnügen verzichten. „Das Grundproblem ist aber dadurch nicht gelöst: „Der Fragebogen, der nur auf die Ehrlichkeit der Spender vertraut“, so Brückner. Wer die neuen Kriterien erfüllt, kann schon am nächsten Blutspendetermin am Dienstag, 5. September, zwischen 16 und 19.30 Uhr in der Erich-Kästner-Schule, Waltroper Straße 19a, teilnehmen.

Veränderungen nach Bluter-Skandal in den 80er-Jahren
Mehr als 1500 Bluter steckten sich in den 80er-Jahren durch Blutkonserven, die versucht waren, mit dem HIV-Virus an.
1998 wurde zur Vermeidung solcher Ereignisse das Transfusionsgesetz verabschiedet.
Das Gesetz regelt unter anderem die Gewinnung von Blut und Blutbestandteilen.
Auch die Anwendung am Menschen wird dadurch geregelt.

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